Phönix Erwacht

Teil 3: 

Die kühle Abendluft schnitt in meine Lungen, als ich auf die Straße trat. Evelyns Haus, das kleine, warme Refugium in der ruhigen Nachbarschaft, wirkte plötzlich wie eine Filmkulisse, hinter der sich ein Abgrund auftat. Die feindseligen Blicke ihrer Verwandten waren nichts gegen die eisige Angst, die nun durch meine Adern kroch. Ich umklammerte den Schuhkarton, als wäre er ein Rettungsring in einem stürmischen Ozean. Mein Leben, wie ich es kannte – die Schulden, der Pickup, die vermeintlich clevere Heirat – war eine Lüge. Eine sorgfältig konstruierte Fassade.

Ich brauchte einen sicheren Ort. Mein Pickup, der noch immer an der Straße stand, schien keine gute Idee zu sein. Wenn sie wirklich hinter mir her waren, dann kannten sie mein Auto. Ich brauchte ein Hotel, irgendwo abseits der Hauptverkehrsstraßen, billig und anonym.

Drei Stunden später saß ich auf dem fleckigen Bettbezug eines Motels am Rande der Stadt. Der Neon-Schriftzug vor dem Fenster flackerte im Rhythmus meines Herzschlags. Der Aktenordner lag vor mir ausgebreitet. Ich fühlte mich wie ein Archäologe, der gerade eine Gruft geöffnet hatte, deren Flüche ihn nun verfolgten.

Ich nahm den USB-Stick und steckte ihn in meinen alten, klapprigen Laptop. Ein neues Laufwerk erschien auf dem Bildschirm. Es gab nur einen Ordner darauf: “Projekt_Phoenix_Vollstaendig”. Meine Finger zögerten über dem Touchpad. Was immer darin war, es gab kein Zurück mehr.

Ich öffnete ihn.

Es waren hunderte Dateien. Dokumente, Videos, Audio-Aufnahmen. Ich klickte blindlings auf eine Video-Datei mit dem Titel “Patient_Null_Sitzung_4”.

Das Bild war körnig, die Farben verwaschen. Ein steriler, grell beleuchteter Raum. In der Mitte saß ein kleiner Junge auf einem Stuhl, an Kopf und Armen mit Kabeln verbunden. Er weinte leise. Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenkrampfte. Das war ich. Ich erkannte die kleinen, zusammengekniffenen Augen, den wirren Haarschopf. Das Datum unten rechts im Bild zeigte an, dass ich gerade einmal drei Jahre alt war.

Eine verzerrte Stimme aus dem Off fragte monoton: “Elias, konzentriere dich auf das Licht. Nur auf das Licht.”

Dann flackerte ein rotes Licht vor dem Gesicht des kleinen Jungen auf, und sein Weinen verstummte schlagartig. Seine Augen wurden leer.

“Vitalwerte stabil”, sagte eine andere Stimme. “Beginne mit der Modifikation.”

Ich schlug den Laptop zu. Mir war übel. Mein Atem ging flach und schnell. Modifikation? Was hatten sie mit mir gemacht? Die Erinnerungen, die fehlten… sie waren nicht nur verblasst, sie waren mir entrissen worden.

Ich zwang mich, weiterzumachen. Ich las Dokumente über geheime Regierungsgelder, unethische Versuche an Waisenkindern, Versuche, den menschlichen Geist zu programmieren. Projekt Phönix war kein medizinisches Programm. Es war eine Waffenschmiede. Sie wollten Soldaten erschaffen, die keine Angst kannten, keine Reue empfanden. Agenten, deren Erinnerungen auf Knopfdruck gelöscht und neu geschrieben werden konnten.

Und ich war “Patient Null”. Der erste Erfolg.

Dann stieß ich auf ein Dokument, das mir den Boden unter den Füßen wegzog. Es war ein Autopsiebericht. Der Name: Sarah Miller. Meine Mutter.

Todesursache: Akutes Herzversagen.

Doch in Evelyns handschriftlichen Randnotizen stand etwas anderes: “Kein Herzversagen. Injektion von Toxin X-4. Sie haben sie zum Schweigen gebracht. Sie wollte ihn herausholen.”

Ein Schluchzer entwich meiner Kehle. Meine Mutter war kein Opfer eines tragischen Unfalls. Sie war ermordet worden, weil sie mich retten wollte. Und Evelyn… Evelyn hatte all das gewusst. Sie hatte gewusst, wer ich war, welche Gefahr in mir schlummerte, und sie hatte mich aufgenommen. Sie hatte den griesgrämigen, egoistischen jungen Mann ertragen, der auf ihr Erbe spekulierte, nur um ihm die Wahrheit zu überbringen, wenn die Zeit reif war.

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Die Scham brannte heiß in meinem Gesicht. Ich hatte sie verachtet, und sie hatte ihr Leben für meines geopfert. “Du wirst noch erfrieren in dem alten Ding”, hatte sie gesagt. Sie meinte nicht nur den Mantel.

Ich griff wieder nach der Notiz auf dem USB-Stick. Finde ihn. Er weiß, wo die Antworten liegen.

Ich durchforstete die Dateien nach einem Hinweis. Stundenlang starrte ich auf Tabellen, Protokolle, Decknamen. Dann, in einem winzigen, versteckten Unterordner, fand ich eine verschlüsselte Textdatei. Evelyn hatte den Entschlüsselungscode in einer ihrer Notizen im Ordner hinterlassen – eine Kombination aus meinem wahren Geburtsdatum und dem Namen meiner Mutter.

Die Datei öffnete sich. Es war nur ein Name und eine Adresse.

Dr. Arthur Vance. 42 Hollow Creek Road, Oregon.

Vance. Der Name tauchte in den Akten von Projekt Phönix auf. Er war der leitende Wissenschaftler. Der Mann, der die “Modifikationen” durchgeführt hatte. Der Mann, der meine Mutter getötet hatte?

Ich packte meine Sachen. Das Motelzimmer fühlte sich plötzlich bedrückend eng an. Die Paranoia kroch aus den Wänden. Jeder Schatten schien mich zu beobachten. Ich musste zu diesem Vance. Er war der Schlüssel zu allem. Er wusste, was in meinem Kopf vorging, welche Schalter sie umgelegt hatten.

Oregon war eine lange Fahrt. Ich brauchte Geld, ein anderes Auto, Waffen. Evelyns Geld war weg, das wusste ich aus dem Testament. Aber in der Schachtel war noch etwas anderes gewesen. Ganz unten, unter all den Dokumenten, lag ein kleiner Samtbeutel. Ich hatte ihn vorhin kaum beachtet.

Ich schüttelte ihn über dem Bett aus. Ein schwerer, goldener Ring mit einem merkwürdigen Wappen fiel heraus, dazu ein alter Schlüssel und ein Schließfachschlüssel einer Bank in Zürich. Und ein kleiner Zettel: “Benutze es weise. Es ist dein Erbe.”

Zürich. Das war keine Option für den Moment. Aber der goldene Ring… er sah wertvoll aus. Sehr wertvoll.

Ich verließ das Motel im Morgengrauen. Der Neon-Schriftzug war erloschen. Ich brachte meinen Pickup zu einem zwielichtigen Gebrauchtwagenhändler am anderen Ende der Stadt. Der Typ sah aus, als würde er Fragen erst stellen, wenn er das Geld hatte. Ich tauschte den Pickup und den Ring gegen einen unauffälligen, grauen Kombi und ein Bündel Bargeld, bei dem mir keine Quittung ausgestellt wurde.

Die Fahrt nach Oregon war ein einziger, von Koffein und Adrenalin befeuerter Rausch. Die Landschaft zog wie ein unscharfer Film an mir vorbei. In meinem Kopf drehte sich alles um die Akten, die Videos, die Gesichter meiner Mutter und von Evelyn.

Ich wusste nicht, was mich bei Dr. Vance erwartete. War er noch aktiv? War er eine Gefahr? Oder war er, wie Evelyn, ein Überläufer?

Zwei Tage später erreichte ich Hollow Creek Road. Es war keine Straße, es war ein schlammiger Weg, der tief in die dichten Wälder Oregons führte. Der Regen prasselte gegen die Windschutzscheibe des Kombis. Die Bäume schienen sich wie düstere Wächter über den Weg zu beugen.

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Am Ende des Weges stand eine verfallene Hütte. Sie sah nicht aus wie das Versteck eines brillanten, skrupellosen Wissenschaftlers. Sie sah aus wie ein Ort, an dem man zum Sterben ging.

Ich parkte den Wagen im Unterholz und näherte mich der Hütte vorsichtig. In meiner Tasche spürte ich das kalte Metall der Pistole, die ich mir auf der Fahrt besorgt hatte.

Die Tür stand einen Spaltbreit offen. Ich drückte sie auf.

“Hallo?”, rief ich in die Dunkelheit.

Keine Antwort. Der Geruch nach Verwesung und altem Papier schlug mir entgegen.

Ich tastete nach dem Lichtschalter, aber der Strom war abgestellt. Ich zog eine Taschenlampe aus meiner Jacke und leuchtete den Raum aus. Überall stapelten sich Akten, alte Computer, leere Konservendosen.

Und dann sah ich ihn.

Er saß in einem abgewetzten Sessel, das Gesicht zur Wand gedreht.

“Dr. Vance?”, fragte ich leise, die Waffe im Anschlag.

Er rührte sich nicht.

Ich trat näher, das Herz schlug mir bis zum Hals. Als ich ihn berührte, kippte der Kopf nach vorne.

Er war tot. Schon seit Wochen, so wie er aussah. Eine Kugel hatte seinen Schädel durchschlagen.

Panik stieg in mir auf. Jemand war vor mir hier gewesen. Jemand, der keine losen Enden mochte.

Ich leuchtete auf den Schreibtisch neben dem Sessel. Dort, im Lichtkegel der Taschenlampe, lag eine einzige, frische Notiz. Sie war nicht von Dr. Vance. Und sie war nicht von Evelyn.

Sie war auf einem sauberen, weißen Blatt Papier gedruckt.

„Hallo, Elias. Wir haben auf dich gewartet. Projekt Phönix war nur die Testphase. Das eigentliche Experiment beginnt jetzt.“

Unter der Notiz lag ein Foto. Es war gestochen scharf. Es zeigte mich, wie ich vor drei Stunden an einer Tankstelle stand und in den grauen Kombi stieg.

Sie wussten, wo ich war. Sie wussten, was ich wusste.

Ich drehte mich um, bereit zur Flucht.

Da hörte ich das Geräusch. Das leise, metallische Klicken einer Waffe, die entsichert wird.

Es kam aus der Dunkelheit hinter mir.

“Leg die Waffe nieder, Elias”, sagte eine Stimme. Eine Stimme, die mir so vertraut war, dass mir das Blut in den Adern einfror.

Es war die Stimme des Anwalts.

“Du hättest die Kiste einfach ignorieren sollen”, sagte er und trat ins Licht meiner Taschenlampe. Die Waffe war direkt auf meine Brust gerichtet. “Aber du warst schon immer zu neugierig. Genau wie deine Mutter.”

Ich ließ die Waffe fallen. Sie klapperte laut auf dem Holzboden.

“Du arbeitest für sie?”, fragte ich heiser.

“Ich bin sie”, sagte er kalt. “Evelyn dachte, sie wäre clever. Sie dachte, sie könnte dich verstecken. Aber wir haben sie gewähren lassen. Wir wollten sehen, ob das Subjekt nach der Reaktivierung stabil bleibt.”

Subjekt. Reaktivierung.

“Was wollt ihr von mir?”, schrie ich.

Er lächelte, ein dünnes, grausames Lächeln. “Du bist das perfekte Werkzeug, Elias. Du hast keine Vergangenheit, die dich bindet. Keine Familie, um die du weinst. Und dank unserer Modifikationen hast du Fähigkeiten, von denen du nicht einmal träumst.”

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Er trat näher, die Waffe immer noch im Anschlag.

“Evelyn dachte, sie zeigt dir die Wahrheit”, sagte er. “Aber sie kannte nur einen Bruchteil. Projekt Phönix war ein Misserfolg, weil wir die Probanden nicht kontrollieren konnten. Aber bei dir… bei dir haben wir etwas Neues versucht. Einen Schläfer-Code.”

Er holte ein kleines Gerät aus seiner Tasche. Es sah aus wie ein Peilsender, aber mit einem roten Knopf.

“Sobald ich diesen Knopf drücke, Elias, wirst du dich an nichts mehr erinnern. Nicht an Evelyn. Nicht an deine Mutter. Du wirst nur noch Befehle befolgen. Du wirst unser perfekter Agent sein.”

Ich starrte auf das Gerät. Das war es also. Mein ganzes Leben war eine Lüge gewesen, nur ein Vorlauf für diesen Moment. Die Wut, die in mir aufstieg, war heißer als das Feuer eines Phönix. Sie hatten mir meine Mutter genommen. Sie hatten mich als Kind gefoltert. Sie hatten Evelyn getötet. Und jetzt wollten sie meinen Geist löschen.

“Ich werde nicht euer Sklave sein”, knurrte ich.

“Du hast keine Wahl”, sagte der Anwalt und hob den Daumen über den Knopf.

In diesem Bruchteil einer Sekunde geschah etwas. Etwas in mir, tief verborgen unter Schichten von gelöschten Erinnerungen und falschem Leben, erwachte. Es war kein Instinkt, es war eine programmierte Reaktion, die sie mir selbst eingepflanzt hatten.

Die Welt um mich herum schien sich zu verlangsamen. Die Wassertropfen, die durch das undichte Dach fielen, fielen in Zeitlupe. Das metallische Klicken des Knopfes unter dem Daumen des Anwalts hallte wie ein Donnerschlag in meinen Ohren.

Mein Körper bewegte sich von selbst. Ohne nachzudenken, ohne zu zögern. Es war keine bewusste Entscheidung, sondern ein Reflex, so präzise und tödlich wie der Biss einer Schlange.

Ich trat vor, griff nach seiner Waffe und riss sie ihm mit einer brutalen, geschmeidigen Bewegung aus der Hand. Noch bevor er reagieren konnte, rammte ich ihm den Lauf gegen die Schläfe.

Er ließ das Gerät fallen. Seine Augen weiteten sich vor Überraschung und… Angst.

“Du… du dürftest das nicht können”, stammelte er. “Der Code…”

“Ihr habt einen Fehler gemacht”, flüsterte ich, meine Stimme war fremd, kalt und ruhig. “Ihr habt mir beigebracht, wie man tötet. Aber ihr habt vergessen, mir beizubringen, wie man gehorcht.”

Ich drückte den Abzug.

Der Knall war ohrenbetäubend. Der Anwalt sackte leblos zusammen.

Ich stand da, atemlos, die rauchende Waffe in der Hand. Die Stille in der Hütte war erdrückend.

Ich blickte auf meine Hände. Sie zitterten nicht mehr. Ich fühlte keine Panik, keine Angst. Nur eine eisige Klarheit.

Sie hatten ein Monster erschaffen. Und jetzt war das Monster frei.

Ich hob das kleine Gerät mit dem roten Knopf auf. Dann ging ich zum Schreibtisch, nahm die Notiz mit dem Foto von mir und steckte sie ein.

Die Suche hatte nicht geendet. Sie hatte gerade erst begonnen. Sie wussten, wo ich war? Gut. Dann wusste ich auch, wo sie waren.

Ich verließ die Hütte und trat in den Regen. Der graue Kombi wartete.

Projekt Phönix war erwacht. Aber nicht so, wie sie es sich erhofft hatten. Ich war nicht ihr Werkzeug. Ich war ihr Untergang.

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