Teil 2:
Die alte Dame, ihr Name war Elfriede, starrte den jungen Mann an, als wäre er eine Erscheinung. Der Fünfzig-Euro-Schein, glatt und neu, lag auf dem Tresen, ein starker Kontrast zu ihren eigenen, abgegriffenen Kupfermünzen. Die Kassiererin, kurz aus ihrer Routine gerissen, tippte eilig auf der Kasse herum, als wollte sie die unangenehme Situation so schnell wie möglich beenden.
„Das… das ist viel zu viel“, stammelte Elfriede, ihre Stimme zitterte nun nicht mehr nur vor Schwäche, sondern vor Unglauben. Sie wagte kaum, den Blick des jungen Mannes zu erwidern. Solche Großzügigkeit war ihr fremd geworden, eine ferne Erinnerung an Zeiten, bevor das Leben sie in diese Enge getrieben hatte.
„Das stimmt so“, sagte der junge Mann an die Kassiererin gewandt, ignorierte das Wechselgeld, das sie ihm entgegenstreckte, und wandte sich wieder Elfriede zu. Sein Lächeln war sanft, doch in seinen dunklen Augen flackerte etwas, das Elfriede nicht einordnen konnte. Es war kein bloßes Mitleid. Es wirkte eher wie… Wiedererkennen?
Er griff nach der kleinen Flasche Milch und dem Päckchen Zwieback – ihr bescheidener Einkauf – und reichte beides behutsam in ihre Hände. Seine Finger streiften dabei kurz ihre. Seine Haut war kühl, fast eisig, ein seltsamer Kontrast zu der Wärme, die er ausstrahlte.
„Passen Sie gut auf sich auf, Frau von Reichenbach“, sagte er leise. Die Lautstärke reichte gerade aus, damit nur sie es hören konnte.
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Elfriede erstarrte. Die Geräusche des Supermarktes – das Piepen der Kasse, das Murmeln der anderen Kunden, das Rauschen der Lüftung – verblassten zu einem fernen Rauschen. Ihr Herzschlag pochte laut in ihren Ohren.
Frau von Reichenbach.
Diesen Namen hatte sie seit über vierzig Jahren nicht mehr gehört. Seit der Nacht, in der das Feuer alles verschlungen hatte. Seit sie ihren eigenen Tod vorgetäuscht hatte, um der Dunkelheit zu entkommen, die an den Grundfesten ihrer Familie genagt hatte. Sie hatte alle Brücken abgebrochen, ein neues Leben unter dem Namen Elfriede Schmidt begonnen, in dieser grauen Vorstadt, in der Anonymität der Armut.
Panik, weitaus tiefer und dunkler als die Scham an der Kasse zuvor, stieg in ihr auf. Wie konnte er wissen, wer sie war? Wer war dieser junge Mann mit den viel zu alten Augen?
Sie riss den Kopf hoch, um ihn zur Rede zu stellen, zu fragen, was er von ihr wollte. Doch der Platz neben ihr war leer. Der junge Mann in der blauen Jeansjacke war verschwunden, aufgesogen von der Menge der einkaufenden Menschen, als wäre er nie da gewesen. Nur der Duft nach etwas Herbem, etwas, das nach altem Papier und Gewitter roch, hing noch schwach in der Luft.
Mit zitternden Knien griff Elfriede nach ihrem Einkauf. Der Zwieback und die Milch schienen plötzlich tonnenschwer. Sie wusste, dies war kein Zufall. Die Vergangenheit, die sie so sorgfältig begraben hatte, hatte sie eingeholt. Und sie hatte das unheilvolle Gefühl, dass dieser scheinbar barmherzige Samariter nicht der Retter war, für den sie ihn im ersten Moment gehalten hatte. Er war der Bote eines Sturms, der drohte, ihr mühsam aufgebautes Kartenhaus der Sicherheit endgültig zum Einsturz zu bringen.
Sie musste hier weg. Sie musste herausfinden, was er wusste. Das Geheimnis der Reichenbachs, das Geheimnis, das so vielen das Leben gekostet hatte, war nicht mehr sicher.
