Teil 3:
„Wissen Sie, warum?“
Die Frage hing schwer in der von Zigarrenrauch und altem Leder geschwängerten Luft des Arbeitszimmers. Das Ticken der antiken Standuhr in der Ecke schien plötzlich ohrenbetäubend laut zu sein.
Thomas stand am Türrahmen, die Hände immer noch tief in den Taschen seines Mantels vergraben. Er sah Declan an, nicht wie einen Boss, sondern wie den Jungen, dem er einst beigebracht hatte, wie man einen Revolver hält, ohne zu zittern.
„Warum Sie sie nie etwas Persönliches gefragt haben?“, wiederholte Thomas leise. „Weil Sie dachten, dass Unwissenheit eine Form von Respekt ist. Oder vielleicht, weil Sie Angst vor der Antwort hatten.“
Declan wandte sich vom Fenster ab. Das fahle Mondlicht warf scharfe Schatten auf sein Gesicht und betonte die harten Linien seiner Wangenknochen und die unerbittliche Kälte in seinen eisblauen Augen. Doch tief in diesem Eis brannte ein Feuer, das außer Kontrolle geraten war.
„Weil ich wusste, was passieren würde“, sagte Declan, und seine Stimme war kaum mehr als ein raues Flüstern. „Ich habe mein ganzes Leben in der Dunkelheit verbracht, Thomas. Meine Hände sind mit dem Blut von Männern bedeckt, die dachten, sie könnten mich brechen. Meine Welt besteht aus Verrat, aus kalkulierter Grausamkeit und aus Nächten, in denen ich mit einem offenen Auge schlafe. Elena…“ Er brach ab und ballte die blutende Hand zur Faust, ohne den Schmerz zu spüren. „Elena war das Einzige in diesem Haus, das nicht von meiner Dunkelheit vergiftet war. Sie roch nach Lavendel und frischem Kaffee. Sie lächelte, als wäre die Welt kein verdammtes Schlachtfeld. Wenn ich angefangen hätte, Fragen zu stellen… wenn ich auch nur den kleinsten Schritt in ihre Welt gemacht hätte… hätte ich sie nie wieder gehen lassen. Ich hätte sie in meinen Abgrund gezogen.“
Thomas seufzte schwer und trat einen Schritt in den Raum. „Und jetzt? Jetzt hat sie einen Abend für sich, geht mit einem Mann essen, der sie vielleicht zum Lachen bringt, und Sie zertrümmern das Inventar, als hätte jemand Ihr Territorium beansprucht. Sie gehört Ihnen nicht, Declan.“
„Sie gehört nirgendwohin, wo es gefährlich ist!“, schnappte Declan. Der plötzliche Ausbruch ließ die Luft im Raum vibrieren. „Glauben Sie, ich weiß nicht, wie Männer auf sie sehen? Glauben Sie, ich habe nicht bemerkt, wie die neuen Wachen sie anstarren, wenn sie den Flur wischt? Ich habe drei Männer in den letzten zwei Jahren gefeuert, nur weil sie ihr zu lange hinterhergesehen haben. Ich habe eine unsichtbare Mauer um sie herum gebaut, Thomas. Und heute Abend… spaziert sie einfach aus der verdammten Tür.“
Er drehte sich wieder zum Fenster um und stützte die Hände auf das dunkle Mahagoniholz der Fensterbank. Sein Atem beschlug das Glas. „Ein Restaurant in Manhattan. An einem Samstagabend. Sie sah nicht glücklich aus, Thomas. Sie sah aus…“ Er dachte an die Sekunde zurück, in der sie im Flur gestanden hatte. „Sie sah aus wie jemand, der zu einer Hinrichtung geht.“
Thomas runzelte die Stirn. Das väterliche Verständnis in seinen Augen wich der scharfen Intuition des alten Gangsters. „Was meinen Sie damit?“
Bevor Declan antworten konnte, wurde die schwere Eichentür des Arbeitszimmers ohne anzuklopfen aufgerissen.
Beide Männer fuhren herum. In der Tür stand Kieran, der junge Leiter von Declans Sicherheitsteam. Er war außer Atem, sein schwarzer Anzug saß schief, und in seinen Händen hielt er einen dicken, braunen Umschlag und ein Tablet. Kierans Gesicht war aschfahl. In Declans Welt bedeutete ein bleiches Gesicht bei einem Sicherheitsmann normalerweise, dass jemand tot war oder bald sterben würde.
„Boss“, keuchte Kieran und ignorierte Thomas’ strafenden Blick für das fehlende Anklopfen. „Wir haben ein massives Problem.“
Declans Instinkte, die durch jahrelangen Überlebenskampf an der Spitze der New Yorker Unterwelt rasiermesserscharf geschliffen waren, übernahmen sofort die Kontrolle. Die Eifersucht verschwand und machte einer eisigen, tödlichen Klarheit Platz.
„Bericht“, befahl Declan kurz.
Kieran trat hastig an den großen Schreibtisch und warf den Umschlag darauf. „Ich habe heute die monatliche Routineüberprüfung unserer externen Kameras durchgeführt. Die Kameras, die nicht zum Grundstück gehören, sondern die Straßenkreuzungen eine Meile um das Anwesen herum abdecken. Ich habe etwas in der Software gefunden, das mich stutzig gemacht hat. Eine Anomalie im Bewegungsmuster.“
Kieran öffnete den Umschlag und schüttete einen Stapel von etwa zwanzig Überwachungsfotos auf das Leder des Schreibtisches.
„Was sehe ich hier, Kieran?“, fragte Declan. Seine Stimme war ruhig, aber es war die Ruhe vor einem vernichtenden Sturm.
„Ich dachte zuerst, es sei Zufall“, erklärte Kieran und tippte hektisch auf das erste Foto. Es war schwarz-weiß und körnig, zeigte aber deutlich Elenas schmale Gestalt, wie sie vor drei Wochen mit zwei Einkaufstüten aus einem Supermarkt in der Stadt kam. „Aber dann habe ich den Suchalgorithmus der Software auf ein bestimmtes Fahrzeug angesetzt. Einen schwarzen Lincoln Continental mit getönten Scheiben.“
Er schob das nächste Foto nach vorne. Es zeigte wieder Elena, diesmal wartete sie an einer Bushaltestelle an ihrem freien Tag. Im Hintergrund, auf der anderen Straßenseite, parkte der schwarze Lincoln.
„Und hier“, Kieran warf drei weitere Bilder auf den Tisch. „Elena beim Bäcker. Elena auf dem Weg zur Reinigung. Elena beim Spaziergang im Park. Jedes verdammte Mal, Boss… ist dieser Wagen da. Jemand hat sie beschattet. Nicht uns. Nicht das Anwesen. Sie. Wochenlang.“
Die Temperatur im Arbeitszimmer schien schlagartig unter den Gefrierpunkt zu fallen. Thomas starrte auf die Bilder, seine Gesichtszüge verhärteten sich zu Stein.
Declan fühlte, wie sein Herz für einen Bruchteil einer Sekunde aufhörte zu schlagen, bevor es das Blut mit rasender Geschwindigkeit durch seine Adern pumpte. Jemand hatte Elena beobachtet. Sein Hausmädchen. Seine Elena. Während sie glaubte, sicher zu sein, hatte sich der Schatten seiner Feinde längst über sie gelegt.
„Wer?“, fragte Declan. Ein einziges Wort, aufgeladen mit der tödlichen Versprechung von Gewalt.
Kieran schluckte schwer und griff nach dem Tablet. „Die Kennzeichen waren natürlich gestohlen. Aber der Fahrer hat heute Nachmittag einen Fehler gemacht. Er hat an einer Tankstelle in Queens gehalten und ist für zwei Minuten ausgestiegen, um Zigaretten zu kaufen. Die Überwachungskamera der Tankstelle hat sein Gesicht erfasst.“
Kieran entsperrte das Tablet und schob es über den Tisch zu Declan.
Declan sah auf den Bildschirm. Das Bild war in Farbe und von überraschend guter Qualität. Es zeigte einen Mann Mitte dreißig, mit zurückgegelten, dunklen Haaren, einer scharfen Hakennase und einem spöttischen Lächeln, das selbst durch das verpixelte Bild arrogant wirkte. Er trug einen maßgeschneiderten grauen Mantel.
Thomas, der sich über Declans Schulter gebeugt hatte, sog scharf die Luft ein. „Jesus, Maria und Josef.“
Declan brauchte keinen Namen zu hören. Er kannte dieses Gesicht. Er kannte dieses spöttische Lächeln aus seinen dunkelsten Albträumen und blutigsten territorialen Kriegen.
„Dante Rossi“, flüsterte Declan. Sein Blut gefror.
Dante Rossi. Der sadistische Vollstrecker und jüngere Bruder von Victor Rossi, dem Boss der sizilianischen Fraktion, mit der Declan seit fünf Jahren in einem brutalen, stillen Krieg lag. Dante war kein Mann für einfache Observationen. Dante war der Mann, den die Rossis schickten, wenn jemand auf möglichst schmerzhafte Weise verschwinden sollte. Er war ein Monster, das Frauen und Kinder benutzte, um seine Feinde zu brechen.
„Warum Dante Rossi?“, murmelte Thomas, sichtlich erschüttert. „Warum sollte einer der gefährlichsten Capos der Italiener das Hausmädchen beschatten? Das ergibt keinen Sinn. Es sei denn… er will sie als Druckmittel gegen Sie benutzen, Declan.“
„Nein“, sagte Declan plötzlich. Seine Stimme klang fremd, selbst in seinen eigenen Ohren. Ein schrecklicher, zerreißender Gedanke formte sich in seinem Verstand. Die Puzzleteile, die er jahrelang ignoriert hatte, begannen sich zu einem entsetzlichen Bild zusammenzufügen.
Er erinnerte sich an das Gespräch vor zehn Minuten im Flur. „Ich habe heute Abend ein Date.“ „Mit einem männlichen Freund?“ „Bei allem Respekt, Mr. Sullivan, das ist privat.“
Sie hatte nicht wie eine Frau geklungen, die sich auf ein romantisches Abendessen freute. Sie hatte gewirkt, als würde sie eine Mauer hochziehen. Die „weiche Frau“ war verschwunden und jemand „Standhafteres“ war an ihre Stelle getreten. Jemand, der gelernt hatte, in der Nähe von gefährlichen Männern zu überleben.
„Sie hat heute Abend kein Date“, sagte Declan, und er fühlte, wie ihm übel wurde. „Sie trifft sich nicht mit einem Freund. Sie trifft sich mit ihm.“
Kieran starrte ihn fassungslos an. „Mit Dante Rossi? Boss, warum sollte Elena…“
„Weil sie erpresst wird“, schnitt Thomas hart dazwischen. Der alte Gangster griff nach den Fotos auf dem Tisch. „Sehen Sie sich die Bilder genau an, Declan. Auf dem letzten Bild vom Park – schauen Sie auf ihre Hände.“
Declan beugte sich vor. Auf dem körnigen Foto stand Elena am Rand eines Spielplatzes. Ihre Hände umklammerten nicht ihre Tasche, wie sie es sonst tat. Sie hielt ein kleines, rotes Spielzeugauto fest umklammert, während sie auf den schwarzen Lincoln starrte, der auf der Straße parkte.
Ein Spielzeugauto. Elena hatte keine Kinder. Das hatte sie zumindest in ihrem Lebenslauf angegeben.
„Sie haben sie wochenlang in die Enge getrieben“, sagte Declan, während die monströse Wahrheit langsam in ihm aufstieg. „Sie haben etwas gefunden. Etwas aus ihrer Vergangenheit. Ein Geheimnis, für das sie bereit ist, sich Dante Rossi in Manhattan auszuliefern, um es zu beschützen. Um mich aus der Sache herauszuhalten. Um keine Aufmerksamkeit auf das Anwesen zu ziehen.“
„Boss“, wagte Kieran zu fragen. „Sollten wir… was ist, wenn sie ein Spion ist? Was ist, wenn Rossi sie vor zwei Jahren hier eingeschleust hat?“
Noch bevor Kieran den Satz beendet hatte, hatte Declan ihn am Revers seines Anzugs gepackt und quer über den Schreibtisch gezogen. Die Akten und Fotos flogen zu Boden. Declans Gesicht war nur noch Zentimeter von Kierans entfernt, und in seinen Augen loderte der pure Wahnsinn.
„Wage es nicht“, zischte Declan, und jedes Wort war eine Rasierklinge. „Wage es nicht, sie auch nur eine Sekunde lang anzuzweifeln. Wenn Rossi sie eingeschleust hätte, wäre ich vor einem Jahr in meinem eigenen Bett vergiftet worden. Sie verteidigt sich selbst. Gegen einen Feind, von dem sie glaubt, dass sie ihn alleine besiegen muss.“
Er stieß den Sicherheitschef zurück. Kieran stolperte und nickte hastig, das Gesicht kreidebleich.
„Declan“, sagte Thomas ruhig, aber mit einer Dringlichkeit, die keinen Widerspruch duldete. „Wenn Rossi sie heute Nacht in ein Restaurant bestellt hat, dann nicht, um mit ihr zu verhandeln. Es ist eine Falle. Entweder für sie, weil sie nutzlos geworden ist… oder für Sie.“
Declan sah auf seine rechte Hand hinab. Das Blut vom zerbrochenen Glas war getrocknet, ein dunkler Kontrast auf seiner blassen Haut. Zwei Jahre lang hatte er geglaubt, er würde Elena beschützen, indem er sie auf Distanz hielt. Er dachte, seine Kälte wäre ihr Schild. Doch in Wahrheit hatte seine Unwissenheit sie direkt in die Arme der Wölfe getrieben. Er kannte nicht einmal ihren echten Nachnamen, wie ihm jetzt mit brutaler Klarheit bewusst wurde. “Harper” war zu gewöhnlich, zu glatt. Es war eine Fassade. Und was auch immer sich dahinter verbarg, Rossi hatte es gefunden.
Er schloss die Augen. Das sanfte Rot ihres Lippenstifts tauchte in seinem Geist auf. Sie hatte sich für den Teint geschminkt, dachte er sich. Nicht um einem Mann zu gefallen, sondern als Kriegsbemalung. Sie wusste, worauf sie sich einließ. Sie marschierte in die Hölle, in der Überzeugung, dass niemand sie retten würde.
Als Declan die Augen wieder öffnete, war der Mann, der wegen Eifersucht ein Glas zerquetscht hatte, verschwunden. Der Boss der irischen Mafia war zurückgekehrt. Kälter, tödlicher und fokussierter als je zuvor.
„Kieran“, die Stimme von Declan klang wie aufeinanderprallende Steine. „Rufen Sie die Männer zusammen. Alle, die bewaffnet sind und in den nächsten drei Minuten am Tor stehen können. Ich will vier SUVs.“
„Wohin fahren wir, Boss? Sie hat nicht gesagt, in welches Restaurant.“
„Das muss sie nicht.“ Declan ging zu einem antiken Globus in der Ecke des Zimmers, öffnete ihn und zog eine schwere, schwarze Glock 19 sowie zwei Ersatzmagazine heraus. Das metallische Klicken, als er die Waffe durchlud, klang wie ein Todesurteil in der Stille des Raumes. „Dante Rossi operiert in Manhattan nur von einem Ort aus, an dem er ungestört seine Spielchen treiben kann. Dem L’Ombra in Little Italy.“
Er steckte die Waffe in sein Schulterholster und griff nach seinem schwarzen Mantel.
„Thomas“, sagte Declan und sah seinen alten Freund an.
„Ich fahre das erste Auto“, sagte Thomas, und zum ersten Mal an diesem Abend lächelte der ältere Mann grimmig. Er zog eine Schrotflinte unter seinem eigenen Mantel hervor, als wäre sie dort angewachsen. „Es ist lange her, dass wir den Italienern Manieren beigebracht haben.“
„Wir bringen ihnen keine Manieren bei“, antwortete Declan. Er starrte auf die offene Tür, durch die Elena vor weniger als zwanzig Minuten gegangen war. Die Luft roch nicht mehr nach ihrem Parfüm, sondern nach dem bevorstehenden Blutvergießen.
„Wir brennen ihr verdammtes Haus nieder. Und wenn Rossi ihr auch nur ein einziges Haar gekrümmt hat… werde ich ihn so lange am Leben lassen, dass er Gott auf Knien anflehen wird, ihn sterben zu lassen.“
Als Declan Sullivan das Arbeitszimmer verließ, flüsterten die Wände des Anwesens nicht mehr von Klatsch und Tratsch. Sie hielten den Atem an. Der Sturm hatte einen Namen, und in dieser Nacht zog er unaufhaltsam in Richtung Manhattan, um die einzige Frau zurückzuholen, die jemals sein dunkles Herz berührt hatte. Doch was er nicht ahnte: Die Geheimnisse, die Elena in der Dunkelheit dieser Stadt verbarg, waren viel tiefer und zerstörerischer, als er es sich jemals hätte vorstellen können. Der Krieg hatte nicht gerade erst begonnen – Elena Harper kämpfte ihn schon seit Jahren. Und Declan war im Begriff, den wahren Grund zu erfahren, warum sie vor zwei Jahren ausgerechnet in seinem Haus Zuflucht gesucht hatte.
