Teil 2:
Der Morgen brach über Chicago herein, grau, unerbittlich und eiskalt. Ashley wachte mit einem Magen auf, der sich anfühlte, als hätte er sich selbst verdaut. Die zehn Dollar und dreiundsechzig Cent, die sie gestern Abend verschenkt hatte, fehlten nun in Form von Kaffeepulver und Toastbrot. Sie trank ein Glas Leitungswasser, zog ihre verblasste Diner-Uniform an und machte sich auf den Weg zur Frühschicht. Ihr Kopf pochte im Takt ihrer Schritte auf dem nassen Asphalt.
Als sie um die Ecke zur 43. Straße bog, blieb ihr das Herz fast stehen.
Miller’s Diner, normalerweise ein übersehener Schandfleck zwischen einem Waschsalon und einem verlassenen Lagerhaus, war umstellt. Es waren keine normalen Autos, die die Straße blockierten. Eine ununterbrochene Reihe von schwarzen Maybachs, Rolls-Royces und gepanzerten SUVs säumte den Bürgersteig. Männer und Frauen in maßgeschneiderten Anzügen, die mehr kosteten als Ashleys Leben, standen in kleinen, stummen Gruppen vor dem Eingang. Das Neonlicht des Diners spiegelte sich auf den polierten Motorhauben.
Ashley blieb wie angewurzelt stehen. War das Gesundheitsamt hier? Die Mafia?
Sie drängte sich zögerlich durch die Menge. Die Leute wichen vor ihr zurück. Nicht mit Absicht, sondern mit einer fast ehrfürchtigen Präzision, als wüssten sie genau, wer sie war. Drinnen bot sich ihr ein noch bizarreres Bild: Old Man Miller, ihr chronisch schlecht gelaunter Boss, saß kreidebleich in einer der roten Kunstlederkabinen und hielt sich eine Papiertüte vor den Mund, als würde er hyperventilieren.
Und dann sah sie ihn.
Er stand an der Theke. Der durchnässte, erschöpfte Fremde von letzter Nacht war verschwunden. An seiner Stelle stand ein Mann, der den Raum mit seiner bloßen Präsenz dominierte. Er trug einen nachtblauen Maßanzug, der jede Linie seines Körpers betonte, sein dunkles Haar war perfekt frisiert, und seine Augen – gestern noch hohl und verzweifelt – brannten nun mit einer kalten, berechnenden Intensität. Eine teure Patek-Philippe-Uhr blitzte an seinem Handgelenk auf.
Als er Ashley sah, hob er die Hand. Sofort verstummten die Gespräche der fünfzig elitären Fremden im Raum. Es war totenstill.
„Guten Morgen, Ashley“, sagte er. Seine Stimme war tief, ruhig und hallte in dem kleinen Diner wider.
„Sie…“, brachte Ashley heraus, ihre Augen weit aufgerissen. „Sie sind der Mann von gestern Nacht.“
„Erlauben Sie mir, mich richtig vorzustellen.“ Er trat einen Schritt auf sie zu. Die Menge hielt den Atem an. „Mein Name ist Julian Vance. CEO von Vance Global Holdings.“
Ashley schluckte hart. Vance Global. Das war kein einfaches Unternehmen; es war ein Imperium. Immobilien, Technologie, Banken. Julian Vance war einer der reichsten Männer Amerikas, berüchtigt für seine Skrupellosigkeit und sein zurückgezogenes Leben.
„Was… was machen Sie hier?“, fragte sie stammelnd. „Haben Sie Ihre Brieftasche gefunden?“
Ein leises, fast schon raubtierhaftes Lächeln umspielte seine Lippen. „Ich habe gestern keine Brieftasche verloren, Ashley. Und mein Handy war auch nicht leer.“
Verwirrung mischte sich mit aufsteigender Wut in ihr. „Sie haben mich angelogen? Ich habe Ihnen mein letztes Geld gegeben! Ich habe heute Morgen nichts gegessen, weil ich Ihnen…“
„Weil Sie den Test bestanden haben“, unterbrach Julian sie sanft, aber mit einer Autorität, die keine Widerworte duldete. Er griff in die Innentasche seines Sakkos und zog einen unscheinbaren weißen Umschlag heraus. Er legte ihn auf die Theke und schob ihn zu ihr. „Das ist für Sie. Für den Hackbraten. Und für die zehn Dollar und dreiundsechzig Cent.“
Ashley zögerte, bevor sie den Umschlag öffnete. Darin lag ein Scheck. Ihr Blick fiel auf die Zahl, und ihr wurde schwindelig.
Zehn Millionen Dollar.
„Das ist ein Scherz“, flüsterte sie und ließ den Scheck auf das Resopal der Theke fallen, als würde er brennen. „Das können Sie nicht ernst meinen.“
„Jeder Cent ist echt“, sagte Julian und trat noch näher an sie heran. Sein Duft nach Zedernholz und teurem Cologne war fast überwältigend. „Aber das ist erst der Anfang, Ashley. Diese fünfzig Personen hier… das ist der Vorstand des Sterling-Syndikats. Einem geheimen Zirkel, von dem die Öffentlichkeit nichts weiß. Wir kontrollieren Märkte, Regierungen, Zukunftstechnologien. Und wir hatten ein massives Problem.“
Er senkte die Stimme, sodass nur noch sie ihn hören konnte.
„Gestern Nacht wurde ich durch die Straßen von Chicago gejagt. Es gab einen Verrat in meinen eigenen Reihen. Jemand will mich tot sehen. Ich musste untertauchen, meine Identität ablegen, um zu überleben. Ich brauchte jemanden, der absolut rein ist. Jemanden, der nichts zu gewinnen hat, und trotzdem alles gibt. Ich habe nach einer Nadel im Heuhaufen gesucht. Und ich habe Sie gefunden.“
Ashley wich einen Schritt zurück, ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. „Ich bin nur eine Kellnerin. Ich will dieses Geld nicht. Ich will nichts mit… Syndikaten oder Verrat zu tun haben. Nehmen Sie Ihren Scheck und gehen Sie.“
„Das kann ich nicht“, sagte Julian. Sein Blick verdunkelte sich, und zum ersten Mal sah sie einen echten Schatten über sein makelloses Gesicht huschen. „Denn unsere Begegnung gestern Nacht war vielleicht kein Zufall, wie ich anfangs dachte.“
Er schnippte mit den Fingern. Einer der Männer im Hintergrund reichte ihm sofort eine schwarze Ledermappe. Julian schlug sie auf. Obenauf lag ein Foto.
Ashleys Atem stockte.
Es war ein Foto ihres Vaters. Ihres Vaters, der vor fünfzehn Jahren bei einem angeblichen Fabrikunfall ums Leben gekommen war. Auf dem Bild stand er in einem teuren Anzug neben… neben einem jungen Julian Vance.
„Dein Vater war kein einfacher Maschinist, Ashley“, sagte Julian, und plötzlich klang seine Stimme gefährlich weich. „Er war einer der Gründer des Sterling-Syndikats. Und er ist nicht bei einem Unfall gestorben. Er wurde ermordet. Von denselben Leuten, die gestern Nacht hinter mir her waren.“
Der Raum schien sich um Ashley zu drehen. Alles, was sie über ihr Leben, ihre Armut, ihre Kämpfe und ihre Familie zu wissen glaubte, zerbrach in diesem einzigen Moment in tausend Stücke.
„Sie haben genau zwei Möglichkeiten“, fuhr Julian fort und hielt ihr die Hand hin. „Sie nehmen die zehn Millionen, drehen sich um und leben ein ruhiges, glückliches, aber ahnungsloses Leben. Niemand wird Sie jemals wieder belästigen. Oder…“
Er sah ihr tief in die Augen. Das Flackern der Neonreklame spiegelte sich in seinen dunklen Pupillen.
„…Oder Sie kommen jetzt mit mir in mein Auto. Wir unterschreiben einen Vertrag. Sie werden für die nächsten sechs Monate als meine Verlobte auftreten, um meine Feinde im Syndikat in die Irre zu führen. Im Gegenzug zeige ich Ihnen, wer Ihr Vater wirklich war, welches gigantische Erbe Ihnen zusteht – und vor allem, wer das Monster ist, das Ihre Mutter in den Wahnsinn getrieben hat.“
Ashley blickte auf den Zehn-Millionen-Dollar-Scheck. Dann auf das Foto ihres Vaters. Dann in die kalten, faszinierenden Augen des Milliardärs, den sie gestern noch für einen Obdachlosen gehalten hatte.
Der Regen begann draußen wieder gegen die Fenster des Diners zu peitschen.
Ashley schob den Umschlag mit dem Scheck langsam über den Tresen zurück zu Julian.
„Ich brauche kein Handgeld, Mr. Vance“, sagte sie, und ihre eigene Stimme klang fremd, stark und unerschrocken. „Ich will die Wahrheit.“
Ein Raunen ging durch die fünfzig Millionäre. Julian Vance lächelte. Es war ein Lächeln, das Kriege auslösen konnte.
„Dann schnallen Sie sich an, Miss Monroe“, flüsterte er. „Ihre Schicht im Diner ist offiziell beendet.“
