Die Stimme des Monsters und die Akte „Karla“ – Ein Abgrund öffnet sich

TEIL 3: 

Die Stille im Raum war plötzlich so dicht, dass Mariana das Gefühl hatte, zu ersticken.

Doña Lidia hielt das Smartphone in ihrer zitternden, aber entschlossenen Hand. Der Bildschirm leuchtete schwach auf und warf ein kaltes Licht auf ihr von Tränen und Wut gezeichnetes Gesicht. Óscar starrte auf das Gerät, sein spöttisches Lächeln gefror, seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.

„Was soll das werden, alte Hexe?“, zischte er, wobei seine Maske des freundlichen Schwiegersohns endgültig Risse bekam. Er machte einen Schritt auf Doña Lidia zu, doch der Polizist drängte ihn mit einer harten Handbewegung sofort wieder zurück.

„Bleiben Sie genau da stehen, Herr Rivas“, sagte der Beamte mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete.

Doña Lidia schluckte schwer. Sie sah nicht Óscar an, sondern ihre Tochter. Ein Blick voller grenzenloser mütterlicher Liebe, gemischt mit einem tiefen Schmerz. „Verzeih mir, mein Schatz“, flüsterte sie Mariana zu. „Verzeih mir, dass ich gestern Nacht nicht rangegangen bin. Aber Gott wollte, dass die Mailbox anspringt. Gott wollte, dass ich höre, was dieses Monster dir antut.“

Mariana riss die Augen auf. Gestern Nacht? Erinnerungen fluteten ihren Geist. Der Streit. Die Nachricht von „Karla“. Der Moment, als Óscar auf sie zukam. Sie hatte blind nach ihrem Handy auf dem Nachttisch gegriffen, wollte ihre Mutter anrufen, doch im selben Moment traf sie der erste Schlag. Das Telefon war unter das Bett gefallen. Sie dachte, der Anruf sei abgebrochen.

Doña Lidia drückte auf Play. Die Lautstärke war auf das Maximum eingestellt.

Zuerst gab es nur ein Rauschen. Dann das Geräusch von brechendem Glas. Und dann, glasklar und unbestreitbar, erfüllte Marianas eigene, panische Stimme das Wohnzimmer. „Óscar, bitte! Hör auf! Ich wollte doch nur wissen, wer Karla ist!“

Mariana schloss die Augen und presste die Hände auf die Ohren. Es war unerträglich, ihren eigenen Terror noch einmal zu erleben. Doch Don Ernesto legte sanft, aber schützend seine großen, rauen Mechanikerhände auf ihre Schultern. „Hör zu, mein Mädchen. Das ist das Ende seines Reiches. Ab heute hast du keine Angst mehr.“

Aus dem Lautsprecher dröhnte nun Óscars Stimme. Sie klang nicht nach dem arroganten Mann, der gerade noch Bier getrunken hatte. Sie klang kalt, grausam, unmenschlich. „Du dummes, nutzloses Stück Dreck! Denkst du, du hast das Recht, mein Telefon zu durchsuchen?!“ Dann das schreckliche, dumpfe Geräusch eines Schlages. Marianas Wimmern auf der Aufnahme. Ein weiterer Schlag. Ein Krachen, als würde jemand gegen die Wand geworfen.

Der Polizist neben Óscar spannte den Kiefer an. Die Staatsanwältin, die bisher schweigend im Hintergrund gestanden hatte, zückte einen Notizblock.

Aus dem Handy kam weiter Óscars Stimme, diesmal leiser, aber noch bedrohlicher: „Hast du die Papiere unterschrieben? Die Dokumente, die ich dir gestern hingelegt habe? Hast du?!“ „J-ja… ich habe alles unterschrieben… bitte, lass mich in Ruhe…“, weinte die aufgenommene Mariana. „Gut. Karla wird sich freuen. Sie meinte schon, du wärst zu dumm, um zu verstehen, wo du unterschreiben musst. Bald, Mariana… bald bist du sowieso nicht mehr mein Problem. Noch ein paar Wochen, bis die Police greift. Und wenn du auch nur einer Menschenseele von meinem Handy erzählst, schwöre ich dir, bringe ich zuerst deine elenden Eltern um und dann dich.“

Ein schrilles Piepen beendete die Aufnahme. Die Mailbox-Nachricht war vorbei.

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Die Realität im Wohnzimmer kehrte zurück, schwerer und dunkler als zuvor. Óscars Gesicht hatte jegliche Farbe verloren. Er war kreidebleich. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Für einen Bruchteil einer Sekunde sah Mariana in ihm den erbärmlichen, feigen Mann, der er wirklich war, beraubt von seiner Macht.

„Das… das ist manipuliert!“, stammelte Óscar und versuchte ein verzweifeltes Lachen. „Das ist KI-generiert! Sie wollen mich reinlegen! Officer, diese Leute sind verrückt! Sie wollen an mein Geld!“

Doch bevor er weiterreden konnte, trat die Frau in der Weste der Staatsanwaltschaft nach vorne. Sie nahm ihre Brille ab und sah Óscar mit einer Kälte an, die das Blut in den Adern gefrieren ließ. „Herr Rivas“, sagte sie ruhig. „Mein Name ist Laura Méndez. Ich bin von der Sonderkommission für schwere Finanzkriminalität und organisierte Kapitalverbrechen.“

Óscar blinzelte verwirrt. „Finanzkriminalität? Ich… ich bin nur ein Immobilienmakler. Was soll dieser Unsinn? Und was hat das mit einem kleinen Ehekrach zu tun?“

Die Staatsanwältin ließ sich nicht beirren. „Die Körperverletzung an Ihrer Frau ist der Grund, warum diese Beamten Sie jetzt in Gewahrsam nehmen werden. Aber mein Grund, heute hier zu sein, ist ein anderer. Wir ermitteln bereits seit acht Monaten gegen Sie, Herr Rivas. Und gegen Ihre Partnerin. Eine Frau, die als Notarin arbeitet. Karla Benítez.“

Bei dem Namen „Karla“ schien Óscar förmlich in sich zusammenzufallen. Seine Knie zitterten. „Ich… ich kenne keine Karla Benítez.“

„Das ist seltsam“, konterte Staatsanwältin Méndez. „Denn laut den Überweisungen, die wir heute Morgen von Ihren geheimen Offshore-Konten beschlagnahmt haben, schicken Sie dieser Frau monatlich hohe Summen. Und noch interessanter: Frau Benítez hat in den letzten fünf Jahren drei Lebensversicherungen beurkundet.“ Sie wandte sich an Mariana. Ihre Stimme wurde weicher, aber ihr Blick blieb ernst. „Señora Mariana, wissen Sie, was Sie da gestern unterschrieben haben?“

Mariana war völlig benommen. Sie schüttelte den Kopf. „Óscar sagte… es seien Bürgschaften für ein neues Bauprojekt. Er sagte, wir könnten unser Haus verlieren, wenn ich nicht unterschreibe. Ich durfte es mir nicht durchlesen. Er hielt die Seiten so, dass ich nur unterschreiben konnte.“

„Sie haben keine Bürgschaft unterschrieben, Mariana“, sagte Don Ernesto leise, und Tränen rollten über sein wettergegerbtes Gesicht. Er griff in seine Jackentasche und zog ein Bündel Papiere heraus. „Als wir vorhin wortlos gingen… wir sind nicht geflohen. Wir haben nur so getan, als hätten wir Angst, damit er sich sicher fühlt. Wir sind direkt zur Polizei gefahren, wo Frau Méndez auf uns wartete. Und während Óscar heute Morgen schlief… habe ich das hier aus seinem Aktenkoffer im Flur kopiert.“

Don Ernesto reichte der Staatsanwältin die Papiere. „Sie haben Ihre eigene Lebensversicherung überschrieben, Señora“, erklärte die Staatsanwältin. „Eine Police im Wert von über 2 Millionen US-Dollar. Und Sie haben Óscar als Alleinerben Ihres Hauses und des Grundstücks Ihrer Eltern eingetragen. Dokumente, die von der Notarin Karla Benítez heute Morgen bereits offiziell abgestempelt wurden.“

Mariana schnappte nach Luft. Der Boden schien unter ihren Füßen wegzubrechen. Óscar hatte sie nicht nur geschlagen, weil er wütend war. Er hatte sie nicht nur aus Eifersucht oder Kontrollzwang isoliert. Er hatte ihren Tod geplant. „Noch ein paar Wochen, bis die Police greift…“, hallte seine aufgenommene Stimme in ihrem Kopf nach.

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„Sie Monster!“, schrie Doña Lidia plötzlich auf. „Sie wollten meine Tochter töten!“

Óscar, nun in die Enge getrieben wie eine tollwütige Ratte, traf eine verheerende Entscheidung. Anstatt aufzugeben, stürzte er sich plötzlich nach vorne. Er wollte nicht zu Doña Lidia oder dem Polizisten. Er stürzte sich auf Mariana. Seine Hände waren wie Krallen nach ihrem Hals ausgestreckt. „Wenn ich ins Gefängnis gehe, dann nimmst du wenigstens nichts mehr mit!“, brüllte er.

Doch er kam nicht weit. Don Ernesto, trotz seiner 65 Jahre, reagierte mit der Schnelligkeit eines Mannes, der seine Familie beschützt. Er warf sich mit seiner ganzen Schulter gegen Óscar. Beide Männer krachten gegen den Esstisch. Das kalte Bierglas zerschellte auf dem Boden, genau wie Óscars Nase, als ihn der wuchtige Faustschlag des Mechanikers traf.

Die beiden Polizisten waren sofort zur Stelle. Sie rissen Óscar nach oben, drückten ihn brutal gegen die Wand und rissen seine Arme auf den Rücken. Das metallische Klicken der Handschellen klang für Mariana wie das schönste Lied, das sie jemals gehört hatte.

„Óscar Rivas“, sagte der Beamte keuchend. „Sie sind verhaftet wegen schwerer Körperverletzung, Urkundenfälschung und des Verdachts auf versuchten Mord. Sie haben das Recht zu schweigen.“

Óscar spuckte Blut auf den Boden. Sein Gesicht war eine Fratze aus purem Hass. Als die Polizisten ihn zur Tür zerrten, drehte er den Kopf und sah Mariana an. Das Lächeln, das nun auf seinen Lippen lag, war kein spöttisches mehr. Es war das Lächeln eines Teufels.

„Glaubst du wirklich, es ist vorbei, Mariana?“, flüsterte er so laut, dass das ganze Zimmer es hören konnte. „Du denkst, deine Eltern haben dich gerettet? Ihr Narren. Ihr habt keine Ahnung, wer Karla wirklich ist. Ihr habt keine Ahnung, mit wem sie arbeitet. Wenn sie herausfindet, dass ihr mich verraten habt… dann wünschtet ihr, ihr wärt mit mir im Gefängnis.“

„Schaffen Sie ihn raus!“, befahl die Staatsanwältin angewidert.

Als die Tür ins Schloss fiel und die Sirenen des Polizeiwagens in der Ferne verklangen, brach Mariana endlich zusammen. Ihre Beine gaben nach. Ihre Mutter und ihr Vater fingen sie auf, sanken mit ihr auf den Boden und hielten sie fest. Zum ersten Mal seit Jahren weinte Mariana nicht aus Angst, sondern aus purem, befreiendem Schock.

Doch die Erleichterung sollte nicht lange anhalten.

Staatsanwältin Méndez war nicht gegangen. Sie stand am zertrümmerten Esstisch und betrachtete den Flur, der zu Óscars verschlossenem Arbeitszimmer führte. Einem Raum, den Mariana in drei Jahren Ehe niemals betreten durfte. „Señora Mariana“, riss die ruhige Stimme der Ermittlerin sie aus ihren Tränen. „Wir haben einen richterlichen Durchsuchungsbeschluss für das gesamte Haus. Haben Sie den Schlüssel zu diesem Zimmer?“

Mariana wischte sich die Augen und schüttelte den Kopf. „Nein. Er trägt ihn immer bei sich. Er sagte immer, da seien nur vertrauliche Kundendaten drin.“

Méndez nickte einem Kriminaltechniker zu, der soeben durch die offene Haustür getreten war. Er trug schweres Werkzeug bei sich. „Brechen Sie die Tür auf“, befahl sie.

Das laute Splittern von Holz hallte durch das Haus, als das Brecheisen die alte Mahagonitür aus den Angeln riss. Mariana stand langsam auf, gestützt von ihren Eltern, und trat zögerlich an den Türrahmen des verbotenen Zimmers.

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Es sah nicht aus wie das Büro eines Immobilienmaklers. Es sah aus wie eine Kommandozentrale. Die Wände waren voll mit Whiteboards. An ihnen hingen unzählige Fotos, Grundbuchauszüge, Kopien von Ausweisen. Die roten Fäden, die die Bilder verbanden, bildeten ein makabres Netz.

Doch das war nicht das Schlimmste. Der Kriminaltechniker hatte in der Zwischenzeit einen Tresor hinter einem Bücherregal entdeckt. Da Óscar den Code nicht verraten hatte, brauchten sie zwanzig Minuten und einen kleinen Schneidbrenner, um die schwere Stahltür aufzubrechen.

Als die Staatsanwältin den Tresor öffnete und den Inhalt herausholte, wurde ihr Gesicht zum ersten Mal kreidebleich. Sie griff nach einem Paar Latexhandschuhen und hob vorsichtig drei kleine, rote Ringbücher heraus. Es waren mexikanische Reisepässe.

Sie klappte den ersten auf. „Elena Rojas. Verstorben vor vier Jahren an einem… tragischen Autounfall“, murmelte Méndez. Sie klappte den zweiten auf. „Sofia Ramírez. Verstorben vor zwei Jahren. Kohlenmonoxidvergiftung im Schlaf.“ Sie sah Mariana an, und in ihren Augen lag das pure Entsetzen. „Das waren Óscars vorherige Ehefrauen, Mariana. Wir wussten nur von einer. Die zweite hat er unter falschem Namen geheiratet.“

Mariana drehte sich der Magen um. Ihr eigener Ehemann war ein Serienmörder. Ein schwarzer Witwer, der von einer kriminellen Notarin gedeckt wurde.

Doch als die Staatsanwältin tiefer in den Tresor griff, zog sie eine Manila-Mappe heraus. Darauf stand ein einziger Name geschrieben, in dicken, schwarzen Buchstaben: AKTE: Lidia & Ernesto.

Mariana erstarrte. „Meine Eltern? Warum… warum hat er eine Akte über meine Eltern?“

Die Ermittlerin schlug die Mappe auf. Was sie darin sah, ließ sie scharf die Luft einziehen. Sie drehte die Mappe langsam um, sodass Mariana und ihre Eltern es sehen konnten.

Es waren keine Finanzdokumente. Es waren Hunderte von Fotos. Fotos von Don Ernesto bei der Arbeit. Fotos von Doña Lidia beim Einkaufen auf dem Markt. Fotos von ihrem Schlafzimmerfenster, aufgenommen mitten in der Nacht. Und auf dem allerletzten Foto, das an dem Tag aufgenommen wurde, als Mariana Óscars Handy durchsucht hatte, stand mit rotem Edding ein Datum geschrieben. Es war das Datum von morgen.

Unter dem Datum stand in einer Handschrift, die definitiv nicht zu Óscar gehörte, eine Nachricht: „Die Alten werden morgen früh um 6 Uhr beseitigt. Ich schicke die Jungs. Sorge dafür, dass Mariana im Haus bleibt. – K.“

Mariana starrte auf das Datum. Es war morgen. Óscar war zwar verhaftet. Aber „Karla“ wusste das noch nicht. Und ihre Mörder waren bereits unterwegs.

Die Staatsanwältin zog sofort ihre Waffe, griff nach ihrem Funkgerät und schrie förmlich hinein: „Zentrale, wir brauchen sofort alle verfügbaren Sondereinheiten zum Viertel Del Valle und zum Haus der Eltern! Code Rot! Das hier ist kein Betrugsfall mehr. Das ist ein laufendes Attentat!“

Mariana klammerte sich an ihre Eltern, während das Chaos ausbrach. Die Wahrheit über Óscar war grauenvoll gewesen, aber die Wahrheit über Karla war ein Albtraum, aus dem sie gerade erst aufwachte. Das Spiel ums Überleben hatte nicht mit Óscars Verhaftung geendet. Es hatte gerade erst begonnen.

(Fortsetzung folgt… In Teil 4: Wer ist Karla wirklich? Eine dunkle Gestalt aus Marianas eigener Vergangenheit taucht auf, und die Nacht vor dem geplanten Attentat wird zu einem tödlichen Katz-und-Maus-Spiel…)

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