Teil 2:
Die Worte der schwangeren Frau hingen wie eine dunkle Wolke in der luxuriösen Suite. Das Klicken der Handschellen schien noch immer von den Wänden widerzuhallen. Der Ehemann, Maximilian, starrte fassungslos auf seine Frau, Clara, dann auf seine Geliebte, Isabella, deren selbstgefälliges Lächeln einer Maske des puren Entsetzens gewichen war.
“Was… was redest du da, Clara?”, stammelte Maximilian, seine Stimme bar jeder der eisigen Kälte von vor wenigen Momenten. Er machte einen unsicheren Schritt auf das Bett zu, doch Clara hob abwehrend eine Hand.
“Komm mir nicht zu nahe”, zischte sie, und die Verzweiflung in ihren Augen war einem stählernen Willen gewichen. Sie streichelte sanft über ihren Bauch. “Die Ärzte im Krankenhaus haben die Ergebnisse der Blutuntersuchung heute Morgen bestätigt. Eine toxische Substanz. Langsam wirkend, aber tödlich. Für mich… und für das Baby.”
Isabella, die nun von dem Polizisten grob in Richtung Tür bugsiert wurde, wand sich wild. “Das ist eine Lüge! Eine erbärmliche Lüge einer verzweifelten Frau, die ihren Mann nicht halten kann! Max, sag doch etwas!”
Maximilian schien zwischen den beiden Frauen hin und her gerissen. Sein Blick glitt von Isabellas verzerrtem Gesicht zu Claras blasser, aber entschlossener Miene. “Ist das wahr?”, flüsterte er, mehr zu sich selbst als zu einer der beiden Frauen.
Der Polizist, ein breitschultriger Mann mit hartem Blick, räusperte sich. “Herr von Waldstätten, wir haben handfeste Beweise. Die Sicherheitskameras im Restaurant gestern Abend zeigen eindeutig, wie diese Dame”, er nickte in Richtung Isabella, “etwas in das Glas Ihrer Frau träufelt, als Sie kurz auf der Toilette waren.”
Maximilians Gesicht verlor jede Farbe. Er taumelte einen Schritt zurück und ließ sich auf den Sessel neben dem Fenster fallen. “Nein… das kann nicht sein. Isabella, warum?”
Isabella lachte hysterisch auf. Es war ein schrilles, unangenehmes Geräusch, das in der Stille des Zimmers widerlich nachhallte. “Warum? Oh, Max, du bist so wunderbar naiv. Dachtest du wirklich, ich würde warten, bis diese kleine Kuh”, sie spuckte das Wort förmlich in Claras Richtung, “deinen Erben zur Welt bringt und sich damit die Hälfte des Familienvermögens sichert? Ich wollte alles. Dich und dein Geld. Ohne lästige Anhängsel.”
Die Worte trafen Maximilian wie ein Schlag ins Gesicht. Er starrte auf seine Hände, als könnte er die Wahrheit in ihnen lesen. Clara beobachtete ihn kühl. Die Liebe, die sie einst für diesen Mann empfunden hatte, war durch die eiskalte Dusche der Realität fortgespült worden.
“Bringt sie weg”, ordnete der Polizist an und zwei weitere Beamte, die unbemerkt im Flur gewartet hatten, betraten den Raum und führten die tobende Isabella ab. Ihre Flüche verhallten langsam im Korridor.
Als die Tür ins Schloss fiel, herrschte eine bedrückende Stille in der Suite. Clara lehnte sich erschöpft in die Kissen zurück. Die Anstrengung der letzten Stunden forderte ihren Tribut.
Maximilian vergrub das Gesicht in seinen Händen. Ein leises Schluchzen entwich seiner Kehle. “Clara… es tut mir so leid. Ich war blind. Ein Narr.”
“Ein Narr? Nein, Max”, erwiderte Clara leise, aber deutlich. “Du warst nicht nur ein Narr. Du warst grausam. Du hast mich in meiner verletzlichsten Zeit im Stich gelassen, um mit einer Frau zusammen zu sein, die nicht nur mich, sondern auch dein eigenes Kind ermorden wollte.”
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“Ich wusste nichts von dem Gift, ich schwöre es bei Gott!”, flehte er und sah auf, seine Augen rotgerändert. “Ich wollte die Scheidung, ja. Ich dachte, ich liebe sie. Aber ich hätte niemals zugelassen, dass sie dir oder dem Baby etwas antut!”
Clara lächelte bitter. “Das ändert nichts, Max. Du hast deine Wahl getroffen, als du durch diese Tür getreten bist, mit ihr an deiner Seite, und mir die Scheidungspapiere vor die Füße geworfen hast.” Sie griff unter ihr Kissen und zog einen Umschlag hervor. “Und apropos Papiere…”
Sie warf den Umschlag auf das Bett. Er glitt über die seidige Decke und blieb genau vor Maximilians Füßen liegen.
“Was ist das?”, fragte er misstrauisch.
“Das, mein lieber Ehemann, ist das Ergebnis einer weiteren kleinen Untersuchung, die ich in den letzten Wochen durchführen ließ”, sagte Clara, und ihre Augen funkelten nun mit einer Mischung aus Triumph und eiskalter Wut. “Als mir klar wurde, dass du dich distanzierst, habe ich angefangen, Fragen zu stellen. Fragen über dein Unternehmen, über die Finanzen, und über die merkwürdigen Transaktionen auf den Offshore-Konten.”
Maximilians Augen weiteten sich panisch. “Du hast… in meinen privaten Unterlagen geschnüffelt?”
“Ich habe das getan, was nötig war, um mich und mein Kind zu schützen”, entgegnete Clara scharf. “Und was ich gefunden habe, ist weitaus giftiger als das, was Isabella in mein Getränk gemischt hat.”
Sie lehnte sich vor, ihre Stimme war nun ein gefährliches Flüstern. “Du dachtest, Isabella wäre das größte Problem, das wir haben? Öffne den Umschlag, Max. Lies, was dein geschätzter Geschäftspartner, Herr von Reichenbach, hinter deinem Rücken treibt. Und lies vor allem, was er über die Herkunft deines ach so wertvollen Familienvermögens weiß.”
Maximilian zitterte, als er den Umschlag aufhob. Seine Finger schienen den Gehorsam zu verweigern, als er das Siegel brach. Er zog ein Bündel Papiere heraus, eng bedruckt mit Zahlenkolonnen, Kontonummern und belastenden E-Mail-Verläufen.
Mit jeder Zeile, die er las, wich mehr Leben aus seinem Gesicht. Er schnappte nach Luft, als hätte man ihm in den Magen geboxt.
“Woher… woher hast du das?”, flüsterte er heiser, unfähig, den Blick von den Dokumenten zu lösen.
“Das spielt keine Rolle”, antwortete Clara. Sie stand langsam auf, zog den weißen Seidenmantel enger um sich und ging auf ihn zu. “Die Polizei hat Isabella wegen versuchten Mordes. Aber diese Papiere, Max… diese Papiere sind genug, um dich, dein Unternehmen und den gesamten Ruf der Familie von Waldstätten für immer zu vernichten. Geldwäsche, Betrug, Verbindungen zum organisierten Verbrechen…”
Sie blieb dicht vor ihm stehen. “Isabella war nur ein Symptom, Max. Die wahre Krankheit liegt tief in deiner Familie verwurzelt. Und ich werde nicht zulassen, dass mein Kind in diesem Sumpf aus Lügen und Verbrechen aufwächst.”
Maximilian ließ die Papiere sinken. Er sah aus wie ein gebrochener Mann. “Was willst du, Clara? Willst du mich ruinieren? Willst du mich ins Gefängnis bringen?”
Clara lächelte, aber es war ein Lächeln ohne jede Wärme. “Das, mein lieber Max, hängt ganz davon ab, was du als nächstes tust. Ich habe meine Bedingungen. Und du wirst sie erfüllen. Bis auf den letzten Punkt.”
Sie wandte sich ab und ging zum Fenster, blickte hinunter auf die glitzernden Lichter der Stadt. Der Abend hatte gerade erst begonnen, und die wahren Geheimnisse der Familie von Waldstätten waren noch nicht einmal ansatzweise aufgedeckt. Dies war nicht das Ende. Es war erst der Anfang einer sehr dunklen, sehr tiefen Abrechnung.
“Wir fangen morgen an”, sagte Clara über die Schulter, während ihr Blick in die Ferne schweifte. “Aber zuerst musst du mir eine Frage beantworten, Max. Eine Frage, auf die du besser die richtige Antwort weißt.”
Sie drehte sich langsam zu ihm um, ihre Silhouette zeichnete sich dunkel gegen das Licht des Fensters ab.
“Wer hat den Auftrag für den vermeintlichen ‘Unfall’ deines Bruders vor fünf Jahren wirklich gegeben?”
