Das Geheimnis der weißen Rose – Schatten über dem Parkett

Teil 2:

Die Stille im Ballsaal war greifbar, dickflüssig wie dunkler Honig. Die Musik war längst verklungen, das Orchester starrte, die Instrumente vergessen in ihren Händen. Léas winzige, zitternde Hand lag in Toms, ein absurder Kontrast: die makellose Blässe ihrer Haut gegen die schwielige, von Schmutz gezeichnete Hand des Jungen. Die weiße Rose ruhte in ihrem Schoß, ein stummer Zeuge dieses unmöglichen Moments.

„Wie… wie meinst du das?“, hauchte Léa. Der Raum schien um sie herum zu verschwimmen. Die prunkvollen Kronleuchter, die marmornen Säulen, die erstarrten Gesichter der Elite – alles verschwand, bis nur noch Toms dunkle, unerbittliche Augen übrig blieben.

„Ich meine es genau so, wie ich es gesagt habe“, wiederholte Tom, seine Stimme fest, aber ruhig, als erklärte er eine einfache mathematische Gleichung. Er zog nicht an ihrer Hand, sondern wartete geduldig. Seine Präsenz war wie ein Fels in der Brandung ihrer Verwirrung.

Dann, plötzlich, zerriss ein schriller Aufschrei die gespenstische Stille.

„Was hat das zu bedeuten?!“

Die Menge teilte sich hastig, als Madame de la Fontaine, Léas Mutter, durch den Saal stürmte. Ihr silbernes Abendkleid raschelte bedrohlich, ihr Gesicht war zu einer Maske aus Entsetzen und Wut erstarrt. Dicht hinter ihr eilte ihr Mann, Monsieur de la Fontaine, dessen Gesicht eine ungesunde purpurne Farbe angenommen hatte.

„Lass sofort meine Tochter los, du… du Straßenjunge!“, zischte Madame de la Fontaine, als sie die beiden erreichte. Sie hob die Hand, als wollte sie Tom schlagen, hielt aber inne, angewidert von dem Gedanken, ihn überhaupt zu berühren.

Tom wich nicht zurück. Er ließ Léas Hand nicht los. Sein Blick wanderte von Léa zu ihrer Mutter, und in seinen Augen lag eine Kälte, die die elegante Dame für einen Bruchteil einer Sekunde zurückschrecken ließ.

„Sie hat mir ihre Hand gegeben“, erwiderte Tom ruhig. Seine Stimme trug mühelos durch den stillen Raum.

„Wie bist du überhaupt hier hereingekommen?“, polterte Monsieur de la Fontaine, seine Fäuste geballt. Er wandte sich an die Umstehenden, seine Stimme überschlug sich fast. „Wo ist das Sicherheitspersonal? Werft diesen Abschaum hinaus!“

Ein paar uniformierte Sicherheitsleute lösten sich zögerlich aus den Schatten der Türen und eilten auf die Szene zu. Doch bevor sie Tom erreichen konnten, geschah etwas Unerwartetes.

Léa, die kleine, stets stille Léa, griff mit ihrer freien Hand nach Toms Ärmel. Ein schwaches, aber unmissverständliches Ziehen.

„Nein“, sagte sie.

Ihre Stimme war dünn, aber in der Stille des Saales klang sie laut genug. Madame de la Fontaine starrte ihre Tochter an, als hätte diese gerade eine unbekannte Sprache gesprochen.

„Léa, Liebling, du bist verwirrt“, sagte ihre Mutter, versuchte ihre Stimme zu besänftigen, doch der harte Unterton war unüberhörbar. „Dieser Junge ist nicht ganz bei Trost. Die Wachen werden ihn nun hinausbegleiten.“

„Nein“, wiederholte Léa, diesmal etwas lauter. Sie umklammerte Toms Hand fester. Zum ersten Mal seit Jahren fühlte sie etwas anderes als die erdrückende Gleichgültigkeit. Sie spürte eine seltsame Art von Wärme, einen Funken Rebellion, der in ihr aufstieg. „Er… er hat gesagt, er bringt mir das Laufen bei.“

Ein verächtliches Schnauben entwich Monsieur de la Fontaine. „Das Laufen bei? Mein armes Kind, die besten Spezialisten Europas haben uns bestätigt, dass…“

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„Die Spezialisten haben sich geirrt“, schnitt Tom ihm das Wort ab. Er wandte sich nicht an den Vater, sondern hielt seinen Blick fest auf Léa gerichtet.

„Wie wagst du es?!“, brüllte Monsieur de la Fontaine, nun endgültig die Beherrschung verlierend. Er machte einen Schritt auf Tom zu, die Hand erhoben.

Doch in diesem Moment griff einer der Sicherheitsmänner, ein breitschultriger Mann mit einer Narbe über der Augenbraue, Monsieur de la Fontaine am Arm. Nicht hart, aber bestimmt.

„Monsieur, bitte“, sagte der Sicherheitsmann leise.

Monsieur de la Fontaine riss sich wütend los. „Sind Sie verrückt? Werfen Sie ihn raus!“

Der Sicherheitsmann blickte zu Tom, dann zu Léa, und ein seltsamer Ausdruck huschte über sein Gesicht. Etwas, das wie Erkennen aussah. Er trat einen Schritt zurück, schüttelte aber kaum merklich den Kopf in Richtung seiner Kollegen, die daraufhin abrupt stehen blieben.

Eine Murmeln ging durch die Gäste. Die unumstrittene Autorität der de la Fontaines in ihrem eigenen Haus schien plötzlich Risse zu bekommen.

Tom nutzte die Verwirrung. Er beugte sich wieder zu Léa hinab. „Wir können nicht hier bleiben“, flüsterte er, so leise, dass nur sie es hören konnte. „Bist du bereit?“

Léa sah in seine Augen. Sie wusste nichts über ihn. Er war fremd, trug abgerissene Kleidung und stammte aus einer Welt, die ihr völlig unbekannt war. Doch in seinen Augen lag eine Versprechung, die greifbarer war als alles, was ihr bisher in ihrem von Ärzten und Mitleid geprägten Leben angeboten worden war.

Sie nickte. Es war eine kaum merkliche Bewegung, aber für Tom reichte sie aus.

Blitzschnell löste er sich von ihr, griff an die Griffe ihres Rollstuhls und riss ihn mit einer Kraft herum, die man seinem schmalen Körper nicht zugetraut hätte. Bevor die perplexen Eltern oder die zögerlichen Sicherheitsleute reagieren konnten, schob Tom den Rollstuhl los – nicht in Richtung der schweren Hauptflügeltüren, sondern auf eine kleine, unscheinbare Tür zu, die von einer schweren Samtportiere verdeckt war, eine Tür, die normalerweise nur vom Personal genutzt wurde.

„Haltet ihn!“, schrie Madame de la Fontaine hysterisch, als sie begriff, was geschah. „Er entführt meine Tochter!“

Chaos brach aus. Damen kreischten, Herren in feinen Anzügen rannten unkoordiniert durcheinander, versuchten, Tom den Weg abzuschneiden, scheiterten jedoch an ihrer eigenen Eitelkeit und der Angst, ihre teure Kleidung zu ruinieren.

Tom war schnell. Unglaublich schnell. Er manövrierte den Rollstuhl mit einer Präzision durch die Menge, die an einen Tanz erinnerte. Er schien jede Lücke, jede kleine Gasse vorherzusehen, bevor sie sich öffnete.

Als sie die kleine Tür erreichten, stieß Tom sie mit der Schulter auf und verschwand mit Léa im dunklen Flur dahinter, gerade als die ersten wütenden Gäste die Samtportiere erreichten.

Hinter ihnen schlug die Tür ins Schloss und dämpfte augenblicklich das Gebrüll aus dem Ballsaal.

Léa schnappte nach Luft. Der Flur war dunkel, nur erhellt von einer flackernden Glühbirne am anderen Ende. Der Kontrast zum goldenen Licht des Ballsaals war enorm.

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„Was… was hast du getan?“, keuchte sie, ihr Herz schlug wild gegen ihre Rippen. Angst und eine seltsame, berauschende Art von Freiheit mischten sich in ihr.

„Wir gehen“, sagte Tom knapp. Er hielt nicht an, sondern schob den Rollstuhl schnell den Gang hinunter. „Sie werden den Ballsaal bald durch den Haupteingang verlassen und das ganze Haus absuchen. Wir müssen verschwinden, bevor sie den Dienstbotenausgang erreichen.“

„Aber wohin? Meine Eltern… die Polizei…“

„Deine Eltern“, sagte Tom, und seine Stimme war nun eiskalt, „wissen weniger über dich, als du denkst, Léa.“

Die Art, wie er ihren Namen aussprach, ließ Léa frösteln. „Woher kennst du meinen Namen?“, fragte sie leise. „Ich habe ihn dir nicht gesagt.“

Tom hielt abrupt an. Sie hatten eine kleine Tür erreicht, die vermutlich ins Freie führte. Er ging um den Rollstuhl herum und kniete sich vor sie hin. Die spärliche Beleuchtung warf harte Schatten auf sein Gesicht.

„Ich kenne viel mehr als nur deinen Namen“, sagte er ernst. „Ich weiß, wann der Unfall passiert ist. Ich weiß, welcher Arzt dich operiert hat.“ Er machte eine kleine Pause, und seine Stimme sank zu einem Flüstern herab. „Und ich weiß, dass es kein Unfall war, Léa.“

Léas Atem stockte. Die Worte hingen in der muffigen Luft des Flurs wie eine giftige Wolke. Kein Unfall? Aber das war alles, was man ihr jemals gesagt hatte. Der Autounfall. Der tragische Moment, der ihr die Fähigkeit zu laufen raubte. Das ewige Mitleid, das Getuschel, wenn sie nicht im Raum war.

„Das… das ist eine Lüge“, stammelte sie. „Mein Vater hat gesagt…“

„Dein Vater hat dich belogen“, unterbrach Tom sie, aber ohne Aggression, eher mit einer tiefen Traurigkeit. Er griff sanft nach ihrer Hand, die noch immer zitterte. „Sie haben dich belogen. Alle.“

Er erhob sich, öffnete die kleine Tür und die kühle, nasse Nachtluft schlug ihnen entgegen. Draußen regnete es leicht, ein feiner Nieselregen, der die Pflastersteine der kleinen Gasse hinter dem Anwesen glänzen ließ.

„Warum solltest du mir das sagen?“, fragte Léa verzweifelt, während er sie nach draußen schob. „Warum hilfst du mir?“

Tom hielt auf dem feuchten Pflaster an, schloss die Tür leise hinter sich und blickte in die Dunkelheit der Gasse.

„Weil wir etwas gemeinsam haben“, antwortete er leise. Er drehte sich zu ihr um, und das fahle Licht einer Straßenlaterne am Ende der Gasse fiel auf sein Gesicht.

Er zog langsam den linken Ärmel seiner abgewetzten Jacke hoch. Darunter offenbarte sich kein gewöhnlicher Arm. Das schwache Licht reflektierte auf mattem Metall, feinen Drähten und winzigen, leise surrenden Gelenken.

Léa starrte auf die mechanische Prothese, die sich an der Stelle befand, wo sein Unterarm sein sollte. Es war kein klobiges, medizinisches Gerät, sondern ein Kunstwerk aus Feinmechanik, fast außerirdisch anmutend.

„Auch ich“, sagte Tom, und seine metallenen Finger formten sich mit erschreckender Präzision zu einer Faust, „war laut den Ärzten nicht zu reparieren.“

Léa konnte den Blick nicht von dem mechanischen Arm abwenden. In ihrem Kopf kreiselten die Gedanken. Kein Unfall. Ein Junge mit einem kybernetischen Arm. Das Versprechen, wieder laufen zu lernen. Alles, woran sie geglaubt hatte, löste sich in dieser verregneten Gasse auf.

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„Wer… wer bist du, Tom?“, fragte sie, ihre Stimme zitterte nun weniger aus Angst, sondern aus purem Erstaunen.

Tom rollte den Ärmel wieder hinunter, sein Gesichtausdruck war unlesbar.

„Ich bin derjenige, der die Geheimnisse kennt, die deine Familie unter dem Marmor dieses Hauses begraben hat“, sagte er. Er griff wieder nach den Griffen des Rollstuhls. „Und wenn du mir vertraust, Léa, werden wir diese Geheimnisse ausgraben. Eines nach dem anderen.“

Er schob sie los, hinein in die Dunkelheit der schmalen Gasse, weg von dem leuchtenden Gefängnis des goldenen Ballsaals.

„Aber zuerst“, fügte er hinzu, als sie die nächste Ecke erreichten und die Lichter der Hauptstraße in Sicht kamen, „müssen wir den Mann finden, der meinen Arm gebaut hat. Denn er ist der Einzige, der dir helfen kann.“

Léa blickte auf die weiße Rose, die sie immer noch krampfhaft umklammerte. Ein winziger Tropfen Blut perlte von einem unsichtbaren Dorn, wo sie zu fest zugegriffen hatte. Sie wusste nicht, wohin diese Reise gehen würde. Sie wusste, dass es gefährlich war. Aber als sie in die Dunkelheit vor sich blickte, spürte sie zum ersten Mal in ihrem Leben etwas anderes als Resignation. Sie spürte Hoffnung. Eine gefährliche, metallische, unerbittliche Hoffnung.

Und tief in ihr drin wusste sie, dass die Lügen gerade erst begonnen hatten zu bröckeln. Die Welt, wie sie sie kannte, war eine Illusion. Und Tom war der Schlüssel, um sie zu zerstören.

„Wir müssen uns beeilen“, sagte Tom plötzlich, seine Stimme angespannt. Er sah zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren. „Sie haben uns nicht nur Sicherheitsleute hinterhergeschickt.“

Aus der Dunkelheit der Gasse, die sie gerade verlassen hatten, löste sich eine Gestalt. Sie trug keinen Anzug und keine Uniform. Es war eine hochgewachsene Person in einem langen, dunklen Mantel, deren Gesicht im Schatten eines tief ins Gesicht gezogenen Hutes verborgen lag.

Die Gestalt bewegte sich nicht wie ein Mensch, der rannte, sondern glitt fast lautlos über die nassen Pflastersteine, mit einer fließenden, unnatürlichen Geschwindigkeit.

Toms Augen weiteten sich leicht. „Festhalten“, zischte er.

Er rannte los, den Rollstuhl vor sich herschiebend, schneller, als Léa es für möglich gehalten hätte. Der Regen peitschte ihr ins Gesicht, aber sie drehte den Kopf, um zurückzublicken.

Die dunkle Gestalt holte auf. Und als sie eine Straßenlaterne passierte, für den Bruchteil einer Sekunde ins Licht tauchte, sah Léa etwas, das ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Unter dem Rand des Hutes blitzte ein Auge auf. Es war kein menschliches Auge. Es leuchtete in einem kalten, unnatürlichen Rot, ein maschinelles Glühen, das zielstrebig auf sie gerichtet war.

„Tom!“, schrie Léa auf. „Was ist das?!“

„Die Vergangenheit deiner Familie“, presste Tom hervor, während er den Rollstuhl waghalsig um die nächste Ecke riss. „Und sie will sicherstellen, dass du nie wieder läufst.“

Der Jagd hatte gerade erst begonnen. Und die weiße Rose in Léas Schoß verlor im strömenden Regen langsam ihre unschuldige Farbe.

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