Das Blut des Klosters – Die Wahrheit im Schatten

Teil 3:

Die Silhouette in der Tür schien das ohnehin schwache Licht der Leichenhalle zu verschlucken. Der kalte Luftzug, der hereingeweht war, roch plötzlich nicht mehr nur nach Desinfektionsmittel, sondern nach feuchter Erde und altem Weihrauch.

John Carter spürte, wie sein Puls in seinen Schläfen hämmerte, doch er zwang sich zur Ruhe. Fünfzehn Jahre in diesem Beruf hatten ihn gelehrt, Panik zu unterdrücken. Alex hingegen keuchte hörbar auf und wich einen Schritt zurück, bis sein Rücken gegen die kalten Fliesen der Wand stieß.

Die Gestalt trat aus dem Schatten ins flackernde Neonlicht. Es war Pater Gregor, der Vorsteher des St. Ägidius-Klosters. Sein langes, schwarzes Gewand raschelte leise auf dem Linoleumboden. Sein Gesicht war eine Maske aus strengen Falten, seine Augen jedoch brannten mit einer unheilvollen, eisigen Kälte, die John das Blut in den Adern gefrieren ließ.

„Pater Gregor“, sagte John und bemühte sich, seine Stimme fest klingen zu lassen. Mit einer unauffälligen Bewegung ließ er das lederne Etui mit dem alten Schlüssel in die tiefe Tasche seines Kittels gleiten, während er sich schützend vor den Edelstahltisch stellte. „Was führt Sie zu dieser späten Stunde in die städtische Leichenhalle?“

„Ein tragischer Fehler, Doktor Carter“, erwiderte der Pater. Seine Stimme war tief und kratzig, wie Steine, die übereinanderreiben. „Schwester Magdalena hätte niemals hierhergebracht werden dürfen. Bruder Thomas war in seiner Trauer verwirrt. Sie gehörte dem Orden an und muss nach unseren heiligen Riten auf dem Klosterfriedhof bestattet werden. Unberührt.“

Sein Blick glitt über Johns Schulter auf die Leiche der Nonne. Als er sah, dass der Stoff ihres Gewandes am Bauch aufgeschnitten war, zuckte ein winziger Muskel in seiner Wange.

„Sie haben sie aufgeschnitten?“, fragte er leise. Die drohende Gefahr in dieser leisen Frage war greifbar.

„Wir haben lediglich mit der äußeren Untersuchung begonnen, Pater“, log John ohne mit der Wimper zu zucken. „Es gibt Vorschriften bei ungeklärten Todesfällen. Doch als wir das Gewand öffneten, stellten wir fest, dass… die Leichenstarre ungewöhnlich früh eingesetzt hat. Wir haben keine Schnitte am Körper vorgenommen.“

Pater Gregor starrte John sekundenlang an. Es war ein Blick, der tief in Johns Seele zu bohren schien. Dann nickte er langsam. „Gut. Das Gesundheitsamt hat meinem Eilantrag stattgegeben. Ich nehme meine Schwester jetzt mit. Zwei meiner Brüder warten mit einem Wagen am Hintereingang.“

Ohne auf eine Antwort zu warten, trat Gregor an den Tisch, zog das weiße Laken komplett über das Gesicht und den Bauch der toten Nonne, um die grausige Inschrift zu verbergen.

„Sie können den Leichnam nicht einfach abtransportieren! Die Papiere…“, stammelte Alex, doch ein scharfer Blick des Paters ließ ihn sofort verstummen.

„Die Papiere sind bereits unterschrieben, junger Mann. Mischen Sie sich nicht in Dinge ein, die Ihren Verstand übersteigen.“ Gregor drehte sich zu John um. „Ich hoffe für Sie, Doktor, dass Sie nichts gefunden haben, was nicht für Ihre Augen bestimmt war. Der Tod bringt oft Geheimnisse ans Licht, die besser im Dunkeln geblieben wären.“

Wenige Minuten später war die Leichenhalle leer. Der Tisch war desinfiziert, die Nonne verschwunden. Doch die erdrückende Stille blieb.

John zog zitternd den alten Schlüssel aus seiner Tasche. Das Metall war noch immer eiskalt.

„Doktor, wir sollten abhauen. Wir sollten kündigen, die Stadt verlassen“, flüsterte Alex panisch, während er sich nervös die Hände rieb. „Haben Sie seine Augen gesehen? Das war kein Mann Gottes. Das war der Teufel selbst!“

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„Wir können nicht weglaufen, Alex. Hast du die Nachricht vergessen? Die Wahrheit ruht im Schatten des Altars. Und die Warnung: Vertraut niemandem. Besonders nicht IHM. ‚Er‘… das ist Pater Gregor. Er ist der Kopf dieser verbotenen Sekte.“ John packte seine Taschenlampe, ein Skalpell zur Verteidigung und zog seine Jacke über. „Wir fahren zum Kloster. Jetzt.“

„Sind Sie wahnsinnig?!“, zischte Alex.

„Hör zu!“, packte John ihn an den Schultern. „Diese Frau, Schwester Magdalena, wurde ermordet. Sie wusste etwas. Sie hat in ihren letzten Stunden unter Höllenqualen eine Nachricht auf ihren eigenen Körper geschrieben, um jemanden zu warnen. Wenn wir jetzt nichts tun, wird ihre Botschaft für immer begraben. Kommst du mit mir oder nicht?“

Alex schluckte schwer. Er zitterte am ganzen Körper, aber schließlich nickte er langsam. „Wenn ich sterbe, bringe ich Sie als Geist um, Doc.“

Die Fahrt zum St. Ägidius-Kloster am Stadtrand dauerte zwanzig Minuten. Ein plötzlicher, peitschender Regen hatte eingesetzt, der die Scheibenwischer an ihre Grenzen brachte. Das Kloster thronte auf einem Hügel, umgeben von dichten, alten Wäldern. Es war ein massiver, gotischer Bau, dessen steinerne Wasserspeier in der Dunkelheit wie lauernde Dämonen wirkten.

Sie parkten den Wagen tief im Wald, gut einen Kilometer vom Haupttor entfernt, und schlichen sich im strömenden Regen an die Außenmauer. Dank seiner Zeit als Notarzt in dieser Gegend wusste John von einer alten, halb verfallenen Krypta-Tür an der Ostseite, die selten bewacht wurde.

Mit schlammigen Schuhen und durchnässter Kleidung hebelten sie das verrostete Gitter auf und schlüpften in die Dunkelheit des Klosters. Der Geruch hier drinnen war überwältigend. Es roch nach altem Staub, Myrrhe und etwas anderem, Süßlichem, das John nur allzu gut kannte: getrocknetes Blut.

Sie bewegten sich wie Schatten durch die langen, steinernen Korridore. Irgendwo in der Ferne hörten sie das tiefe, rhythmische Murmeln von Männerstimmen. Gebete? Oder Beschwörungen? John wollte es gar nicht wissen.

Schließlich erreichten sie das Hauptschiff der großen Kapelle. Nur das spärliche Mondlicht, das durch die gewaltigen Buntglasfenster brach, erhellte den Raum. Vor ihnen erhob sich der massive Hochaltar aus schwarzem Marmor.

Die Wahrheit ruht nicht im Tod, sondern im Schatten des Altars. Öffnet das Kästchen.

John knipste seine kleine Taschenlampe an und hielt die Hand vor die Linse, um das Licht zu dimmen. Er und Alex krochen förmlich hinter den gewaltigen Altar. Dort, im tiefsten Schatten, wo die Gemeinde niemals hinsehen konnte, begann John, die massiven Steinblöcke abzutasten.

Minuten verstrichen. „Da ist nichts“, flüsterte Alex verzweifelt.

„Doch. Es muss hier sein“, beharrte John. Seine Finger glitten über die raue Oberfläche, bis er plötzlich einen Spalt spürte, der zu perfekt war, um ein natürlicher Riss im Stein zu sein. Er drückte dagegen. Nichts. Er drückte an einer anderen Stelle, und plötzlich gab ein kleiner, quadratischer Steinblock lautlos nach.

Ein verstecktes Fach im Altar.

John griff hinein und zog eine schwere, eiserne Kassette heraus. Sie war alt, verziert mit makabren Gravuren von Engeln, denen die Augen ausgestochen waren. In der Mitte befand sich ein komplexes Schlüsselloch.

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Mit zitternden Händen steckte John den Schlüssel der toten Nonne hinein. Er passte perfekt. Ein dumpfes Klicken hallte durch die Stille.

Als er den Deckel anhob, stockte ihm der Atem.

In dem Kästchen lagen keine religiösen Artefakte. Es lagen dort dutzende kleine Phiolen, gefüllt mit einer dunklen, roten Flüssigkeit. Blut. An jeder Phiole hing ein winziges Namensschildchen. Doch was Johns Aufmerksamkeit sofort fesselte, war ein dickes, in schwarzes Leder gebundenes Buch.

Er schlug es auf. Es war ein Tagebuch. Die Handschrift war dieselbe wie auf dem Bauch der Toten. Die erste Seite trug den Titel: Tagebuch der Magdalena – Zeugin des purpurroten Morgengrauens.

John blätterte hastig durch die Seiten. Was er las, war jenseits jeder menschlichen Vorstellungskraft. Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen, während er Alex die grausamen Details zuflüsterte.

„Das sind keine Nonnen, Alex. Das Kloster… es ist eine Zuchtanstalt.“ John wurde übel. „Die Sekte, der ‚Orden der Purpurröte‘… sie glauben an die Reinheit des Blutes. Sie entführen junge Frauen aus zerrütteten Verhältnissen, Frauen, die niemand vermisst. Sie sperren sie hier ein, kleiden sie in Nonnengewänder und… benutzen sie für abscheuliche Rituale.“

„Rituale? Was für Rituale?“, fragte Alex, der kalkweiß im Gesicht war.

„Blutopfer. Und Schlimmeres. Die Frauen werden gezwungen, Kinder auszutragen – die Nachkommen der Ordensmitglieder. Sobald die Kinder geboren sind, werden die Mütter… ‚geopfert‘, um die Götter der Sekte zu besänftigen. Magdalena hatte es herausgefunden. Sie war schwanger. Sie wusste, dass sie bald an der Reihe war.“

John blätterte weiter, bis zur letzten Seite, die geschrieben war. Dort befand sich eine Liste mit Namen. Die Namen der Elite-Mitglieder des Ordens. Die Männer, die diese Schreckenstaten finanzierten und daran teilnahmen.

„Bürgermeister Henderson“, las John fassungslos vor. „Polizeichef Miller. Richter Davies… Mein Gott, Alex, die halbe Stadtregierung steckt da mit drin. Wir können zur Polizei gehen, aber sie würden uns sofort umbringen.“

Doch dann fiel Johns Blick auf den letzten Namen auf der Liste. Die Taschenlampe in seiner Hand begann so stark zu zittern, dass der Lichtkegel wild über das Papier tanzte. Sein Herz schien für einen Moment stehen zu bleiben. Ihm wurde schwarz vor Augen, als sich der Name in sein Gehirn brannte.

Hohepriester der Ersten Ordnung: Dr. William Carter.

Sein eigener Vater. Der angesehene Chefarzt, der vor zehn Jahren angeblich bei einem Autounfall ums Leben gekommen war.

„Doc? Was ist los? Sie sehen aus, als hätten Sie einen Geist gesehen“, flüsterte Alex, der versuchte, über Johns Schulter zu spähen.

„Mein Vater…“, stammelte John, unfähig, die Realität zu akzeptieren. Alles, woran er je geglaubt hatte, sein ganzes Leben, seine Familie – es war eine einzige, blutige Lüge. Sein Vater war kein Heiler gewesen. Er war der Anführer dieser Mörder. Und das bedeutete… das bedeutete, dass Johns Position in der städtischen Leichenhalle vielleicht kein Zufall war. Hatte der Orden ihn dort platziert, um ihre Spuren zu verwischen?

Plötzlich vibrierte der Steinboden unter ihren Füßen. Ein tiefes, mechanisches Knirschen hallte durch die Kapelle.

Hinter dem Altar, nur wenige Meter von ihnen entfernt, begann sich eine massive Steinplatte im Boden langsam zu verschieben. Ein schwaches, unheilvolles rotes Licht drang aus der Öffnung nach oben, begleitet von einem entsetzlichen Gestank nach Schwefel und Verwesung.

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Aus den Tiefen der Katakomben drang nun der Gesang deutlicher nach oben. Ein monotoner, hypnotischer Chor aus Dutzenden von Männerstimmen, die Worte in einer toten, dunklen Sprache skandierten.

„Sie kommen nach oben“, hauchte Alex panisch. „Die Messe ist vorbei. Doc, wir müssen hier weg! Jetzt!“

John starrte völlig apathisch auf das Tagebuch. Die Enthüllung über seinen Vater hatte ihn in einen Schockzustand versetzt. Er klappte das Buch hastig zu, steckte es zusammen mit einer der Blutphiolen in seine Innentasche und erhob sich.

„Zurück zur Krypta-Tür. Schnell“, flüsterte er.

Sie rannten geduckt durch den Mittelgang in Richtung Ausgang, das Adrenalin pumpte durch ihre Adern. Doch als sie die schwere Eichentür am Ende des Kirchenschiffs erreichten, hörten sie das Klicken eines metallischen Mechanismus. Die Tür war von außen verriegelt worden.

„Nein, nein, nein!“, schluchzte Alex und rüttelte verzweifelt an dem massiven Türgriff. „Wir sind in der Falle!“

Der Gesang der Mönche brach abrupt ab. Eine absolute, unnatürliche Totenstille legte sich über die Kapelle. Das rote Licht aus dem Boden hatte den Raum in eine blutige Szenerie getaucht.

„Wir haben Gäste, Brüder“, erklang plötzlich die kratzige Stimme von Pater Gregor aus den Lautsprechern der Kirche, gefolgt von einem grausamen, hallenden Lachen. „Wie unhöflich von ihnen, die Predigt zu stören.“

John wirbelte herum, die Taschenlampe als Waffe erhoben. Aus den Schatten an den Seitenwänden schälten sich plötzlich Gestalten. Es waren keine Mönche. Es waren schwer bewaffnete Männer in dunklen Anzügen, deren Gesichter hinter venezianischen Masken verborgen waren. Sie umkreisten John und Alex wie Wölfe ihre Beute.

Inmitten dieser Männer trat ein Mann nach vorn. Er trug keine Maske, sondern ein elegantes, blutrotes Gewand.

Johns Atem stockte, als er das Gesicht dieses Mannes im roten Licht erkannte. Sein Verstand weigerte sich, es zu begreifen.

Die grauen Haare, die scharfen Gesichtszüge, die Augen, die John aus dem Spiegel jeden Morgen ansahen.

„Das… das ist unmöglich“, flüsterte John und ließ die Taschenlampe fallen. Sie schepperte laut auf dem Steinboden.

Der Mann lächelte – ein kaltes, lebloses Lächeln.

„Hallo, mein Sohn“, sagte Dr. William Carter, sein totgeglaubter Vater, die Hände auf dem Rücken verschränkt. „Ich habe mich schon gefragt, wie lange du brauchen würdest, um dein wahres Erbe anzutreten. Du kommst genau rechtzeitig zur Zeremonie.“

Bevor John reagieren konnte, spürte er plötzlich etwas Hartes, Kaltes in seinem Rücken. Es war der Lauf einer Pistole, der direkt an seine Wirbelsäule gedrückt wurde.

Verwirrt drehte John den Kopf, nur um in das Gesicht von Alex zu blicken.

Sein schüchterner, ängstlicher Assistent hielt die Waffe. Die Panik war aus Alex’ Augen verschwunden. Stattdessen lag darin ein fanatisches, eiskaltes Leuchten. Das kleine, unsichtbare Mal der Sekte – genau dasselbe wie bei der toten Nonne – trat nun deutlich auf Alex’ Hals hervor.

„Tut mir leid, Doc“, sagte Alex mit einer völlig ruhigen, fremden Stimme, während er den Hahn der Waffe spannte. „Aber ich habe Ihnen gesagt, Sie sollten niemanden vertrauen. Die Polizei gehört uns. Die Leichenhalle gehört uns. Und jetzt… gehören Sie auch uns.“

Aus dem unterirdischen Schacht begann ein markerschütternder Schrei einer Frau zu hallen, der den Beginn des echten Albtraums einläutete…

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