Der Regen schien noch härter zu werden, als wolle er die verzweifelte Szene von der Straße waschen. Victor spürte die raue Hand des älteren Polizisten auf seiner Schulter. „Es reicht jetzt“, knurrte der Beamte, sein Blick kalt und professionell. „Wir müssen los.“
Victor hielt den Jungen, Leo, noch eine Sekunde länger fest. Er atmete tief den Duft des nassen Kindes ein, eine Mischung aus Regen, Angst und etwas, das ihn an eine Zeit erinnerte, die er längst für begraben hielt. „Leo, hör mir zu“, flüsterte Victor heiser, so leise, dass der Polizist es nicht hören konnte. „Erinnerst du dich an den alten Bahnhof? An das Schließfach Nummer 42?“
Leos Augen weiteten sich, Tränen standen noch immer in den Wimpern. Er nickte kaum merklich.
„Geh dorthin. Aber erst, wenn es hell ist. Vertraue niemandem. Hast du verstanden? Niemandem.“
Bevor Leo antworten konnte, wurde Victor grob hochgezogen. Die Handschellen klickten kalt und unbarmherzig um seine Handgelenke. Er wehrte sich nicht, ließ sich widerstandslos zum Streifenwagen führen. Doch sein Blick ruhte auf Leo, der klein und verloren im Regen stand, umgeben von Uniformen, die ihn nicht beachteten.
Im Streifenwagen roch es nach kaltem Rauch und nassem Hund. Victor starrte durch das vergitterte Fenster. Die Stadt zog an ihm vorbei, ein verschwommenes Gemälde aus Neonlicht und Dunkelheit. Er wusste, dass dies erst der Anfang war. Die Verhaftung war nur ein Baueropfer in einem Spiel, dessen Ausmaß nicht einmal die Polizei auch nur ansatzweise begriff.
Er dachte an das Schließfach. Darin befand sich das Einzige, was Leo schützen konnte. Und gleichzeitig das, was sie beide in höchste Lebensgefahr brachte. Ein unscheinbares Notizbuch, gebunden in schwarzes Leder, gefüllt mit Namen, Daten und Summen. Die Anatomie eines Syndikats, das bis in die höchsten Ebenen der Macht reichte.
„Du bist still für jemanden, der gerade sein Leben weggeworfen hat“, bemerkte der Fahrer, ein junger Cop, dessen Uniform noch zu neu wirkte.
Victor schwieg. Was sollte er sagen? Dass er nicht sein Leben weggeworfen, sondern ein anderes gerettet hatte? Dass die wahren Kriminellen nicht in Handschellen auf dem Rücksitz saßen, sondern in teuren Anzügen in Penthouses über der Stadt thronten?
Als sie auf dem Präsidium ankamen, erwartete ihn bereits Detective Miller. Miller war ein Veteran, dessen Gesicht mehr Falten trug, als er Jahre alt war. Seine Augen waren wachsam, wie die eines Falken, der Beute fixiert.
„Victor“, sagte Miller zur Begrüßung, ohne eine Spur von Überraschung in der Stimme. „Ich habe mich schon gefragt, wann du mir in die Hände fällst.“
Sie saßen sich in einem kargen Verhörraum gegenüber. Das fluoreszierende Licht surrte leise und schmerzte in den Augen. Miller legte eine dünne Akte auf den Tisch.
„Zweifacher Mord, bewaffneter Raubüberfall, Erpressung… die Liste ist lang, Victor. Sehr lang. Aber etwas stört mich daran.“
Victor lehnte sich zurück, das kühle Metall des Stuhls in seinem Rücken. „Und was wäre das, Detective?“
Miller beugte sich vor, verschränkte die Hände auf dem Tisch. „Du bist kein Schläger, Victor. Du bist ein Stratege. Jemand, der im Hintergrund die Fäden zieht. Warum hast du dich so offensichtlich schnappen lassen? Es war fast so, als wolltest du verhaftet werden.“
Victor lächelte schwach. Ein Lächeln, das seine Augen nicht erreichte. „Vielleicht bin ich einfach müde geworden, Detective. Müde vom Davonlaufen.“
Miller musterte ihn lange. „Ich glaube dir kein Wort. Da draußen passiert etwas Großes. Die Straßen brodeln. Jemand räumt auf, und du bist derjenige, der den Kopf hinhält.“
Er schlug die Akte auf und zog ein Foto heraus. Es zeigte einen Mann in einem teuren Maßanzug, das Gesicht glatt und unnahbar.
„Richard van der Bilt. CEO von Horizon Industries. Ein feiner Herr. Aber meine Instinkte sagen mir, dass seine Hände schmutziger sind als deine.“
Victor starrte auf das Foto. Er spürte, wie sich seine Muskeln anspannten, doch er zwang sich zur Ruhe. „Ich kenne den Mann nicht.“
Miller seufzte und steckte das Foto wieder ein. „Du machst einen Fehler, Victor. Wenn du für ihn den Sündenbock spielst, wird er dich fallen lassen wie eine heiße Kartoffel. Er wird nicht zögern, dich zum Schweigen zu bringen.“
„Ich brauche keinen Schutz, Detective.“
„Wir werden sehen“, sagte Miller leise. Er stand auf und verließ den Raum.
Victor blieb allein zurück. Er schloss die Augen und dachte an Leo. Der Junge war jetzt allein da draußen. Allein mit dem Geheimnis, das ihn zerstören konnte. Victor wusste, dass ihm die Zeit davonlief. Er musste aus diesem Gefängnis ausbrechen, bevor es zu spät war. Bevor van der Bilt herausfand, was sich im Schließfach Nummer 42 befand.
Und bevor die wahre Wahrheit ans Licht kam. Denn das, was in dem Notizbuch stand, war nur die Spitze des Eisbergs. Es gab ein Geheimnis, so dunkel und grausam, dass es die Grundfesten der Stadt erschüttern würde. Ein Geheimnis, das tief mit Leos Vergangenheit verwurzelt war. Ein Geheimnis, für das Victor bereit war, alles zu riskieren. Sogar sein eigenes Leben.
In seiner Zelle, tief unter der Erde, hörte Victor das stetige Tropfen von Wasser. Ein monotones Geräusch, das wie das Ticken einer unsichtbaren Uhr klang. Der Countdown hatte begonnen. Die Schatten der Vergangenheit holten sie alle ein, und das Spiel um Leben und Tod ging gerade erst los. Niemand war sicher. Nicht Leo. Nicht van der Bilt. Und am wenigsten er selbst.
