Teil 2:
Die Sekunden schienen sich zu dehnen wie zähes Gummi. Das grelle Neonlicht des Hörsaals flimmerte leicht und spiegelte sich in den aufdringlichen Kameralinsen, die jeden Muskelzug, jedes Blinzeln einfangen wollten. Julian, der junge Mann im schwarzen Sakko, genoss sichtlich seinen scheinbaren Triumph. Er verschränkte die Arme vor der Brust, ein selbstgefälliges Lächeln spielte um seine Lippen. Er war der unangefochtene König dieses Campus, derjenige, der die Regeln machte und genüsslich zusah, wie andere darüber stolperten.
Und dann war da Elias.
Elias saß noch immer völlig ruhig da. Er trug keine Markenkleidung, nur einen schlichten grauen Pullover und Jeans, die schon bessere Tage gesehen hatten. Nichts an ihm schrie nach Reichtum, geschweige denn nach einer Rolex, die den Wert eines Kleinwagens überstieg. Genau das war es, was Julian so rasend machte. Wie konnte es jemand wagen, sich in seinem Revier mit Statussymbolen zu schmücken, die ihm nicht zustanden?
„Nun?“, hakte Julian nach, die Stimme vor Vorfreude bebend. „Schlägt dir die Sprache fehl, Blender? Oder überlegst du gerade, wie du dich aus dieser peinlichen Nummer wieder herauswinden kannst?“
Elias hob langsam die linke Hand. Das Silber der Uhr funkelte im harten Licht. Sein Blick wanderte von dem Zifferblatt zu Julians Gesicht. „Du willst wetten?“, fragte er, und seine Stimme klang nicht mehr leise, sondern trug eine unerschütterliche Gewissheit in sich, die das verbliebene Kichern im Saal sofort verstummen ließ.
„Darauf kannst du Gift nehmen“, spuckte Julian förmlich aus. „Ich setze meinen neuen Porsche gegen… nun ja, gegen dieses billige Stück Blech da an deinem Arm. Und wenn sich herausstellt, dass es eine Fälschung ist – was wir alle hier wissen –, dann verschwindest du von dieser Universität. Für immer.“
Ein entsetztes Keuchen ging durch die Reihen. Das war kein harmloser Studentenstreich mehr; das war eine öffentliche Hinrichtung. Julian war bekannt für seine Skrupellosigkeit, aber das übertraf alles bisher Dagewesene. Die Handys wurden fester umklammert, die Videos liefen weiter. Niemand wollte diesen Moment verpassen.
Elias sah Julian lange an. In seinen Augen lag weder Angst noch Wut, sondern etwas, das Julian zutiefst beunruhigte: Mitleid.
„Ein Porsche“, wiederholte Elias langsam, als würde er das Wort auf der Zunge zergehen lassen. „Ein schönes Auto. Aber das reicht nicht, Julian.“
Julian schnaubte verächtlich. „Wirst du größenwahnsinnig? Was willst du denn noch? Deine abgerissenen Klamotten sind ja wohl kaum mehr wert.“
„Wenn diese Uhr echt ist“, sagte Elias, und jedes Wort war wie ein Hammerschlag in der drückenden Stille, „dann will ich nicht dein Auto. Dann will ich, dass du vor dem gesamten Seminar gestehst, woher du die Lösungen für die letzte Klausur in Finanzmathematik hattest.“
Die Luft im Raum schien schlagartig zu gefrieren. Julian erstarrte. Sein selbstgefälliges Grinsen gefror zu einer Maske des blanken Entsetzens. Die Farbe wich aus seinem Gesicht, und für einen Bruchteil einer Sekunde blitzte nackte Panik in seinen Augen auf. Finanzmathematik war die schwerste Prüfung des Semesters gewesen, und Julian hatte als Einziger mit voller Punktzahl bestanden. Ein Gerücht über gekaufte Prüfungsfragen kursierte schon länger, aber niemand hatte sich getraut, Julian offen damit zu konfrontieren. Sein Vater war schließlich einer der größten Sponsoren der Universität.
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„Was redest du da für einen Unsinn?“, stammelte Julian, doch seine Stimme hatte den arroganten Klang verloren. Sie zitterte verräterisch.
„Wir beide wissen, dass es kein Unsinn ist“, erwiderte Elias ruhig. „Also, steht die Wette?“
Das Raunen im Hörsaal schwoll zu einem ohrenbetäubenden Flüstern an. Die Kameras waren nun ebenso auf Julians blasses Gesicht gerichtet wie auf Elias. Die Dynamik hatte sich radikal gewandelt. Der Jäger war plötzlich zum Gejagten geworden.
„Du bist doch verrückt“, zischte Julian und versuchte vergeblich, seine Fassung wiederzugewinnen. „Ich werde mich nicht auf so einen Schwachsinn einlassen.“
„Warum nicht?“, fragte Elias unschuldig. „Du warst dir doch so sicher, dass die Uhr eine Fälschung ist. Es ist doch eine todsichere Wette für dich, oder?“
Julian starrte auf die Rolex. Er starrte auf Elias. Er spürte die Blicke von über zweihundert Studenten in seinem Nacken brennen. Er saß in der Falle. Wenn er jetzt einen Rückzieher machte, war er als Feigling gebrandmarkt und die Gerüchte über seinen Betrug würden neues Futter erhalten. Wenn er die Wette annahm und verlor… daran durfte er gar nicht denken.
„Gut“, presste er schließlich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Die Wette gilt.“
Elias nickte knapp. Er griff in die Tasche seines Pullovers und holte etwas heraus. Es war eine kleine, unscheinbare Visitenkarte. Er schob sie über den Tisch zu Julian.
„Das ist die Nummer des besten Uhrmachers der Stadt“, sagte Elias. „Ruf ihn an. Er soll herkommen und die Uhr prüfen. Vor uns allen.“
Julian starrte die Karte an, als wäre sie giftig. Er griff nach seinem neuesten Smartphone, aber seine Hände zitterten so sehr, dass er die Nummer beim ersten Mal falsch eintippte. Das Flüstern im Saal war nun einer atemlosen Stille gewichen. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.
Während Julian auf das Freizeichen wartete, starrte er unverwandt auf Elias. Wer war dieser Kerl? Woher wusste er von der Klausur? Und warum war er so verdammt sicher, dass diese Uhr echt war?
Der Uhrmacher, ein älterer Herr namens Herr Bergmann, brauchte knapp zwanzig Minuten, bis er im Hörsaal eintraf. Er war sichtlich irritiert über die Menge an Studenten und die auf ihn gerichteten Kameras, doch er bewahrte professionelle Contenance.
„Herr Bergmann, vielen Dank für Ihr Kommen“, sagte Elias höflich und reichte ihm die Uhr. „Könnten Sie bitte die Echtheit dieses Zeitmessers überprüfen?“
Herr Bergmann setzte sich seine Lupe auf, schaltete eine kleine, extrem helle Taschenlampe an und begann, die Uhr zu untersuchen. Er prüfte das Gewicht, das Glas, das Zifferblatt, den Lauf des Sekundenzeigers. Dann bat er um Erlaubnis, den Gehäuseboden öffnen zu dürfen, um das Uhrwerk zu inspizieren. Elias nickte.
Die Minuten zogen sich endlos hin. Julian schwitzte. Er wippte nervös mit dem Fuß. Elias hingegen saß da wie eine Statue, völlig entspannt, den Blick auf den Uhrmacher gerichtet.
Schließlich legte Herr Bergmann sein Werkzeug beiseite, nahm die Lupe vom Auge und räusperte sich.
„Nun“, begann er, und seine Stimme trug durch den ganzen, mucksmäuschenstillen Saal. „Ich habe in meinen vierzig Jahren als Uhrmacher viele Fälschungen gesehen. Einige waren unglaublich gut gemacht.“
Julian atmete hörbar aus. Ein siegreiches Lächeln begann sich wieder auf seinem Gesicht abzuzeichnen.
„Allerdings“, fuhr Herr Bergmann fort und hob die Uhr an, „ist dies hier keine davon. Diese Rolex ist nicht nur absolut echt, junger Mann. Es ist eine extrem seltene Daytona aus den 1970er Jahren, Referenz 6263. Wenn mich nicht alles täuscht, und das tut es selten, sprechen wir hier von einem Sammlerwert, der gut und gerne im mittleren sechsstelligen Bereich liegt.“
Ein kollektives Keuchen ging durch den Hörsaal. Mehrere Studenten ließen fassungslos ihre Handys sinken. Sechsstellig. Das war mehr, als Julians nagelneuer Porsche wert war. Viel mehr.
Julian starrte den Uhrmacher an, der Mund stand ihm offen. Sein Gesicht war nun aschfahl. Er schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen.
„Das… das kann nicht sein“, stammelte er. „Sie lügen! Er hat Sie bezahlt!“
Herr Bergmann richtete sich zu seiner vollen Größe auf, sichtlich empört. „Ich verbitte mir diese Unterstellung! Meine Reputation ist makellos. Diese Uhr ist original, bis zur letzten Schraube.“
Elias stand langsam auf. Er nahm die Uhr entgegen, bedankte sich bei dem Uhrmacher und legte sie wieder an sein Handgelenk. Dann wandte er sich Julian zu.
„Die Wette ist entschieden, Julian“, sagte er, und seine Stimme war eiskalt. „Ich erwarte dein Geständnis. Morgen früh, im Audimax, vor dem gesamten Fachbereich. Und das ist erst der Anfang.“
Julian wich einen Schritt zurück, als hätte Elias ihn geschlagen. Die Kameras waren unerbittlich auf ihn gerichtet, hielten seinen totalen Zusammenbruch für die Ewigkeit fest. Er stolperte rückwärts über eine Tasche, fiel fast, riss sich wieder hoch und stürmte ohne ein weiteres Wort aus dem Hörsaal.
Die Studenten brachen in jubelnden Applaus aus. Sie feierten den Underdog, der den arroganten König vom Thron gestoßen hatte. Elias jedoch lächelte nicht. Er blickte Julian nach, und in seinen Augen lag eine Dunkelheit, die nichts mit der Rolex zu tun hatte.
Er griff in seine Tasche, holte sein Telefon heraus und tippte eine kurze Nachricht.
„Schritt eins ist erledigt. Er hat angebissen. Wir können mit Phase zwei beginnen.“
Als er auf „Senden“ drückte, ahnte noch niemand im Raum – nicht einmal Julian –, dass diese öffentliche Demütigung nur ein winziges Puzzleteil in einem viel größeren, weitaus gefährlicheren Spiel war. Einem Spiel, das tief in die Vergangenheit reichte, alte Wunden aufreißen und dunkle Familiengeheimnisse ans Licht zerren würde, die besser für immer im Verborgenen geblieben wären. Die echte Rolex war nur der Köder. Und Julian war gerade erst in die Falle getappt.
(Das Netz zieht sich zu. Welche Geheimnisse verbirgt Elias? Wer zieht die Fäden im Hintergrund? Das wahre Ausmaß der Intrige wird im nächsten Teil enthüllt. Bleiben Sie dran – die Wahrheit ist dunkler, als Sie denken!)
