Das Vermächtnis des Verstorbenen

Teil 2:

“Er hat geschrieben…!”

Die letzten Worte erstickten in Helenas Kehle, als ihr Blick panisch über die Gesichter der hochkarätigen Trauergäste irrte. Die feine Gesellschaft, Sekunden zuvor noch ein Bild aristokratischer Trauer, erstarrte. Ministerpräsident von Falkenstein ließ sein Kristallglas sinken, die Gräfin von Reidenburg riss fassungslos die Augen auf.

Zwei bullige Leibwächter rissen den Fremden brutal von Helena weg. Er leistete keinen Widerstand, ein unergründliches, fast mitleidiges Lächeln spielte um seine Lippen. Einer der Männer drückte ihn unsanft gegen die Wandverkleidung, doch der Fremde schien die grobe Behandlung nicht zu spüren. Sein Blick blieb fest auf Helena gerichtet.

“Das ist eine Lüge!”, schrie Helena hysterisch, die eiserne Disziplin der letzten Jahre völlig zerschmettert. Sie hielt das zerknitterte Papier wie eine giftige Schlange von sich. “Eine erbärmliche, widerwärtige Fälschung! Er würde niemals… Er konnte nicht…”

Der Fremde richtete sich langsam auf, befreite sich mit einer überraschend kraftvollen Bewegung aus dem Griff der Wachleute und zupfte seine dreckige Jacke zurecht.

“Es ist seine Handschrift, Frau von Ahrens”, sagte er leise, aber seine Stimme durchdrang den aufkommenden Tumult mühelos. “Und Sie wissen genau, dass es die Wahrheit ist. Die Zahlen lügen nicht. Die… Operationen lügen nicht.”

Das Wort ‘Operationen’ schlug ein wie eine Bombe. Das Flüstern im Saal schwoll zu einem aufgeregten Gemurmel an. Helena taumelte rückwärts, musste sich am Rand des Sarges festhalten. Ihre Fingerknöchel traten weiß hervor.

“Bringen Sie ihn weg!”, befahl sie mit zitternder, aber wieder scharfer Stimme den Leibwächtern. “Werfen Sie diesen Verrückten auf die Straße!”

Doch bevor die Männer erneut zugreifen konnten, trat eine weitere Gestalt aus dem Schatten der großen Flügeltüren. Es war Dr. van der Bilt, der persönliche Notar und engste Vertraute des Verstorbenen. Sein Gesicht war aschfahl, die Aktenmappe in seiner Hand zitterte leicht.

See also  Ein unerwartetes Erbe

“Halt!”, rief der Notar, seine Stimme überschlug sich beinahe. “Dieser Mann… er ist der rechtmäßige Erbe.”

Totenstille legte sich erneut über den Saal.

“Was reden Sie da für einen Unsinn, van der Bilt?”, zischte Helena, ihre Augen verengten sich zu gefährlichen Schlitzen. “Mein Mann hat alles mir…”

“Das Testament wurde gestern Nacht geändert, gnädige Frau”, unterbrach sie der Notar mit belegter Stimme. Er mied ihren Blick. “Eine Notariatsurkunde, beglaubigt durch zwei unabhängige Zeugen. Er hinterlässt das gesamte Vermögen, die Firma, alle Ländereien… ihm.”

Er deutete mit zitterndem Finger auf den rußverschmierten Fremden, der das Chaos im Raum mit stoischer Ruhe beobachtete.

“Das ist unmöglich!”, kreischte Helena. “Wer ist dieser Mann?”

Der Fremde trat einen Schritt vor. Die Menge wich instinktiv vor ihm zurück.

“Mein Name ist unwichtig, Helena”, sagte er, und zum ersten Mal klang seine Stimme weich, beinahe vertraut. “Wichtig ist nur, was in den Tresoren unter der alten Fabrik in Leipzig liegt. Und was dort… geschieht.”

Er wandte sich ab und ging langsam auf den Ausgang zu.

“Das ist erst der Anfang”, flüsterte er, doch in der Stille des Saales war jedes Wort deutlich zu hören. “Das eigentliche Vermächtnis Ihres Mannes… das wahre Monster… muss erst noch erwachen.”

Helena starrte ihm nach, das vergilbte Papier noch immer fest umklammert. Auf dem Brief standen nur drei Worte, in der hastigen, fahrigen Schrift ihres Mannes: Sie wissen alles.

Fortsetzung folgt…

Related Posts

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

© 2026 cuanhua-loithep | All rights reserved